Dieser Artikel erschien erstmals 13.08.2026 und wurde am 14.08.2026 aktualisiert mit Forderungen von Bioland und Naturland an die Politik.
Die anhaltende Trockenheit setzt viele Landwirtschaftsbetriebe unter Druck. Besonders ernst ist die Lage in der Tierhaltung. „In einzelnen Regionen führt die anhaltende Trockenheit bereits jetzt zu erheblichen Engpässen bei der Futterversorgung“, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer am Mittwoch. „Wenn Grünland und Futtererträge zurückgehen, Futter teuer zugekauft werden muss und Höfe perspektivisch gezwungen sein könnten, Tierbestände zu reduzieren, betrifft das die Substanz unserer Landwirtschaft.“ Dem Bauernverband zufolge gebe es insbesondere in Süddeutschland Regionen, wo die Grünland-Produktion stark beeinträchtigt sei.
Auch Bio-Tierhalter sind von Futtermittelknappheit betroffen. Die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg haben deshalb Anfang August 2026 den Katastrophenfall im Sinne des EU-Öko-Rechts ausgerufen. Bio-Tierhalter, deren Futterversorgung infolge der Dürre nicht mehr gesichert ist, können nach behördlicher Genehmigung auf bestimmte konventionelle Futtermittel zurückgreifen, ohne dadurch grundsätzlich ihren Bio-Status zu verlieren.
Die rechtliche Grundlage für den Katastrophenfall ist Artikel 22 der EU-Öko-Verordnung (EU) 2018/848. Dieser sieht vor, dass bei außergewöhnlichen Umständen wie schweren Dürren zeitlich begrenzte Ausnahmen von den Bio-Produktionsvorschriften zugelassen werden können. Die konkreten Ausnahmen regelt die Delegierte Verordnung (EU) 2020/2146. Sie ermöglicht unter anderem, bei einem Verlust der Futterproduktion aufgrund solcher Ereignisse nicht-ökologische Futtermittel anstelle von ökologischen oder Umstellungsfuttermitteln einzusetzen. Voraussetzung ist, dass die außergewöhnliche Situation von der zuständigen Behörde anerkannt wird; die Ausnahmen müssen auf das notwendige Maß und einen begrenzten Zeitraum beschränkt bleiben.
Ausnahmeregelung gilt nicht uneingeschränkt
In Bayern hat das Landwirtschaftsministerium die durch die Dürre verursachte mangelhafte Versorgung mit Bio-Grundfutter am 7. August als Katastrophenfall anerkannt. Die Regelung gilt im gesamten Freistaat, da nach Auswertungen der Landesanstalt für Landwirtschaft die Versorgung mit Bio-Grundfutter in allen Regionen unzureichend ist. Betroffene Betriebe dürfen konventionelles Rau- und Feldfutter, beispielsweise Heu oder Silage, zukaufen. Konventionelles Kraftfutter bleibt dagegen ausgeschlossen und muss weiterhin aus ökologischer Erzeugung stammen.
„Wo über Wochen der Regen fehlt, wächst irgendwann auch das beste Futter nicht mehr. Gerade für unsere Bio-Betriebe wird das zum Problem, wenn die eigenen Vorräte knapp werden und auch am Markt nicht genügend Bio-Grundfutter verfügbar ist. In einer solchen Ausnahmesituation müssen wir pragmatisch handeln“, sagte die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber. „Deshalb ermöglichen wir betroffenen Betrieben, unter klaren Voraussetzungen auf konventionelles Grundfutter zurückzugreifen und so die Versorgung ihrer Tiere sicherzustellen."
Die bayerische Ausnahme ist keine pauschale Freigabe: Der Betrieb muss nachweisen, dass gleichwertiges ökologisches Rau- oder Feldfutter am Markt nicht verfügbar ist, und den Einsatz vor dem Zukauf bei der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft beantragen. Die Regelung gilt, bis sich die Versorgungslage verbessert, längstens jedoch zwölf Monate. Das Ministerium empfiehlt Verbandsbetrieben außerdem, sich mit ihrem Bio-Anbauverband und ihren Abnehmern, etwa Molkereien, abzustimmen, da deren Vorgaben den Einsatz konventioneller Futtermittel zusätzlich einschränken können.
Baden-Württemberg bietet stillgelegte Flächen als Futterflächen an
Berichten des „SWR“ und der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge, müssen Tierhalter in Baden-Württemberg aktuell mit bis zu 40 Prozent weniger Futter auskommen als sonst zu dieser Jahreszeit. Erste Tiere mussten demnach bereits notgeschlachtet werden. Das Land hat ebenfalls den Katastrophenfall nach der EU-Ökoverordnung anerkannt. Betroffene Bio-Betriebe können unter bestimmten Voraussetzungen auch hier konventionelles Raufutter wie Heu und Silage sowie Feldfutter wie Ackergras und Klee zukaufen. Als weitere Lösung zur kurzfristigen Überbrückung von Futterknappheit bietet die Landesregierung an, stillgelegte Flächen als Futterflächen freizugeben. Auch in Baden-Württemberg gelten die Ausnahmen nicht automatisch: Betriebe, die darauf zurückgreifen wollen, müssen entsprechende Anträge stellen.
Letztlich bedeutet der Katastrophenfall also nicht, dass die Bio-Regeln in Bayern und Baden-Württemberg generell außer Kraft gesetzt wären. Es handelt sich dabei um eine Notfallregelung, der enge Grenzen gesetzt sind.
Bei Extremwetterereignissen wie Trockenheit sind die Bundesländer für Hilfsmaßnahmen zuständig, erklärt das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMLEH) auf seiner Webseite. Seitens des Bundes gibt es derzeit keine konkreten Maßnahmen gegen die aktuellen Folgen der Dürre. Das BMLEH verweist darauf, dass es sich bei dem Schaden um ein „Ereignis von nationalem Ausmaß“ handeln müsse, damit sich der Bund an Hilfsmaßnahmen beteilige. Eine Bilanz der Schäden könne jedoch erst nach der Ernte gezogen werden. Zahlen zu den Ernteeinbußen werden Ende August vorliegen, wenn das BMLEH seinen jährlichen Erntebericht veröffentlicht.
Kritik an Landwirtschaftsminister Rainer
Die Opposition wirft Minister Rainer Untätigkeit vor. Als Landwirtschaftsminister trage er die Verantwortung dafür, dass sich die Landwirte in Deutschland für die Folgen des Klimwandels dauerhaft wappnen können, erklärt Ophelia Nick, Bundestagsabgeordnete für den Kreis Mettmann und Sprecherin für Landwirtschaftspolitik der Grünen Bundestagsfraktion. Stattdessen blende er die Klimakrise in seiner Kommunikation nahezu vollständig aus, so Nick.
„Das passt zu seiner Politik seit Amtsbeginn: Klima- und Umweltschutzmaßnahmen werden zurückgedreht und unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus geschwächt“, so Nick in einer Stellungnahme. „Damit die Betriebe dauerhaft widerstandsfähiger gegen Hitze, Trockenheit und Wasserknappheit werden können, brauchen wir wirksame Maßnahmen, um Wasser im Boden zu halten, widerstandsfähige Böden aufzubauen und Wasser sauber zu halten. Die Lösungen sind da, die Bundesregierung muss aber auch den Willen haben, diese umzusetzen. Genau diese Vorsorge muss Rainer endlich zur Priorität machen.“
Bioland und Naturland fordern Politik zum Handeln auf
Auch die Bio-Anbauverbände Bioland und Naturland fordern die Politik zum Handeln auf. Die aktuelle Dürre und ihre Folgen bezeichnet Bioland-Vizepräsidentin Sabine Kabath als „das dringende Warnsignal zum Gegensteuern“. Die Politik müsse sich jetzt endlich ressortübergreifend intensiv mit dem Thema befassen. „Einerseits brauchen wir ambitionierten Klimaschutz in allen Bereichen, um die Perspektive zu verbessern, andererseits müssen wir die Landwirtschaft bei der Klimaanpassung unterstützen, damit sie mit den noch kommenden Dürresommern besser umgehen kann“, so Kabath.
Naturland-Präsident Eberhard Räder forderte, dass die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) gezielte Betriebe fördert, die ihre Bewirtschaftung resilient ausrichten und damit langfristig zur Ernährungssicherheit beitragen. „Wer Tierhaltung, Ackerbau, Grünland und verschiedene Kulturen sinnvoll miteinander verbindet, verteilt Risiken und schafft mehr Stabilität“, kommentierte Räder. Diese Resilienz müsse sich in der GAP widerspiegeln.
„Wir erleben eine Dürre katastrophalen Ausmaßes. Was letztes Jahr zu viel an Regen herunterkam, fehlt dieses Jahr und damit auch das Futter. Diese Wetterextreme machen es unglaublich schwierig für uns Landwirte – und sie kosten uns sehr viel Geld“, sagt Felix Riecken, der einen Bioland-Betrieb in Schleswig-Holstein betreibt. Sein Vorschlag für eine konkrete Maßnahme gegen die anhaltende Hitze ist Agroforst: „Bäume, Sträucher und Hecken in der Landwirtschaft spenden Schatten und halten die Feuchtigkeit besser auf der Fläche. Solche ökologisch-regenerativen Formen der Landwirtschaft begrenzen den Schaden und tragen damit zu einer resilienteren Ernährungsversorgung bei. Der Politik sollte das etwas wert sein und sie sollte sich dringend darum kümmern, die Förderung solcher Maßnahmen attraktiver auszugestalten, damit sich viele weitere Kolleginnen und Kollegen daran beteiligen.“
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