Es war ein Novum als die Menschen in Deutschland 2019 die Gelegenheit erhielten, mitzubestimmen, wie ein Lebensmittel beschaffen sein sollte, das sie im Supermarkt kaufen können. Los ging es mit Milch: Mehr als 9.000 Verbraucherinnen und Verbraucher stimmten damals ab und entschieden unter anderem, dass sie bio sein sollte und die Bäuerinnen und Bauern dafür fair bezahlt werden. In Zusammenarbeit mit der hessischen Upländer Bauernmolkerei kam die Milch in der auffällig blauen Kartonage mit der Aufschrift „Du bist hier der Chef!“ und dem aufgedruckten UVP von damals 1,49 Euro im Sommer 2020 schwerpunktmäßig im Rhein-Main-Gebiet in den Handel.
Rund sechs Jahre nach dem Start stellt die Verbraucher-Initiative „Du bist hier der Chef!“ ihre hauptamtliche Arbeit zum 31. Dezember 2025 ein. Sie begründet den Schritt damit, dass trotz nachgewiesener Nachfrage nach den Produkten eine deutschlandweite Listung durch große Handelsketten ausgeblieben sei.
Nur wenige Handelsketten listeten die Verbraucher-Produkte
Der Verein führt die Arbeit ehrenamtlich weiter. Gründer und Vorstand Nicolas Barthelmé bleibt als 1. Vorsitzender Ansprechpartner. Und auch die Verbraucher-Milch, mit der 2019 alles begann, bleibt in den Märkten verfügbar. Neue Produktentwicklungen würden jedoch pausiert „bis bessere Marktbedingungen gegeben sind“, teilte die Initiative mit.
Das Problem: Nur wenige Handelsketten listeten die Milch und Folgeprodukte wie Eier oder Kartoffeln dauerhaft. Der Handel sei zunächst neugierig gewesen und habe das Thema für wichtig erklärt, erklärt Nicolas Barthelmé. „Doch die Angst, den ersten Schritt in Richtung höherer Einkaufspreise und Preistransparenz zu wagen, lähmte viele Handelspartner.“ „Du bist hier der Chef!“ zahlte den Milchbauern zum Start 58 Cent pro Liter, während der durchschnittliche Biomilchpreis im Jahr 2019 bei 47,17 Cent lag.
Größter dauerhafter Abnehmer der Verbraucher-Milch und anderer Produkte der Initiative ist Rewe Mitte. Zum Start 2019 listeten rund 400 Märkte die Milch. Zeitweise hatten auch Alnatura, Tegut, Citi und einigen Edeka-Märkte im Norden Deutschlands die Milch im Sortiment.
„Ohne strukturellen Marktzugang skaliert nichts“
Nach der Einführung der Milch brachte „Du bist hier der Chef!“ weitere Produkte auf den Markt. Über die Initiative, die nach dem französischen Vorbild „C'est qui le patron?!“ gegründet wurde, beteiligten sich insgesamt über 50.000 Verbraucherinnen aktiv an der Kreation von vier Lebensmitteln: Milch, Eiern, Kartoffeln und Joghurt.
Den gesamten Handelsumsatz mit diesen Produkten beziffert „Du bist hier der Chef!“ auf 4,25 Millionen Euro. Doch weil die Bereitschaft des Handels ausgeblieben sei, „sich aktiv am Aufbau eines neuen transparenten Sortiments an fairen Produkten zu beteiligen“, wie Barthelmé sagt, konnte man „weder die Verfügbarkeit noch die Anzahl unserer Produkte elementar erhöhen“.
Die Lehre der Verbraucher-Initiative aus sechs Jahren Ko-Kreation von Lebensmitteln: „Selbst mit bewiesener Community, funktionierendem Produkt und gesellschaftlicher Relevanz reicht es nicht. Ohne strukturellen Marktzugang skaliert nichts.“ Statt Impact-Orientierung dominiere Preisdruck, Haltung werde oft nur proklamiert, aber selten gelebt und kurzfristiges Marketing sei wichtiger als langfristige Partnerschaften, kritisiert der Verein.
„Du bist hier der Chef!“ gibt sein Know-how weiter
Gleichwohl erklärt Nicolas Barthelmé das Projekt nicht für gescheitert: „Wir haben mit unserer Community bewiesen, wie man Supermarktregale mit fairen und guten Lebensmitteln bestückt – Lebensmitteln, denen von Beginn an das Vertrauen der Kund:innen innewohnt“, resümiert Barthelmé. „Demokratische Lebensmittel funktionieren. Jetzt geben wir unser Wissen frei, damit andere weitermachen können, wo wir aufhören müssen."
Auf der Webseite von „Du bist hier der Chef!“ hat die Initiative sämtliche Erkenntnisse, Modelle und Werkzeuge aus ihrer Arbeit frei zugänglich gemacht. „Damit wird das Know-how zur Grundlage für zukünftige Projekte, Organisationen und Unternehmen, die Lebensmittel transparenter, und demokratischer gestalten wollen“, schreibt der Verein. „Die Idee gehört allen, die sie weitertragen.“
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