Biohandel

Erfolgreich mit Bio handeln.

Egesun

Stephan Paulke: „Der Biomarkt muss sich auf längerfristige Mangellagen einstellen“

Für Egesun-Chef Stephan Paulke ist die Rohstoffbeschaffung aktuell so schwierig wie nie. Bei Kokos kam es regelrecht zu einem Wettlauf um die Rohware. Handelspartner müssen mit höheren Preisen rechnen.

Herr Paulke, Egesun gehört zu den Bio-Pionieren für Nüsse, Trockenfrüchte und Kokosprodukte. Wie erleben Sie das aktuelle Jahr in Bezug auf die Rohstoffversorgung?

Stephan Paulke: Rückblickend ist es das schlimmste Jahr, das ich in dieser Branche erlebt habe. Einzelne Ausfälle kannten wir schon früher – doch diesmal treffen uns gleich mehrere Katastrophen gleichzeitig. In der Türkei sind durch Frost zur Blütezeit praktisch alle Aprikosen verloren gegangen, auch die Kirschenernte ist ein Desaster. In Westafrika hat zudem eine massive Fruchtfliegenplage bis zu 70 Prozent der Mangoernte vernichtet.

In Bezug auf unser Kokossortiment haben wir in diesem Jahr die größten Herausforderungen im Hinblick auf die Rohstoffversorgung. Schlechte Ernten und Insektenplagen sorgen dafür, dass die wenigen verfügbaren Mengen Spitzenpreise erzielen – beim Kokosöl kam es regelrecht zu einem Wettlauf um die Rohware. Für uns ist das die bislang härteste Krise.

Woher kommt das – ist es aus Ihrer Sicht der Klimawandel?

Stephan Paulke: Für mich ist das die einzige Erklärung. Wir sehen international massive Veränderungen, die in Deutschland noch gar nicht so richtig im Bewusstsein angekommen sind. Aber unsere Partner in den Ursprungsländern erleben sie hautnah. Beispielsweise in Sri Lanka: unregelmäßige Niederschläge, steigende Temperaturen und extreme Wetterereignisse wie Stürme und Überschwemmungen beeinträchtigen das Wachstum der Kokospalmen massiv was zu Ernteausfällen führt.

Seit Beginn des Jahres gelten für Bio-Importe in die EU die Anforderungen der EU-Öko-Verordnung 2018/848. Ab diesem Zeitpunkt unterliegen auch Erzeuger und Hersteller, die Bio-Lebensmittel aus Drittländern, mit denen kein Handelsabkommen besteht, den EU-Regeln für Bio-Lebensmittel. Welche Bedeutung hat diese Vorgabe im Zusammenhang mit der aktuellen Rohstoffknappheit?

Stephan Paulke: Da gibt es definitiv einen Zusammenhang. Vieles ist gut gemeint, aber die Realität vor Ort wird kaum berücksichtigt. In Afrika zum Beispiel müssen bestehende Strukturen von heute auf morgen angepasst werden. Das bedeutet neue Zertifizierungen – doch es gibt viel zu wenige Kapazitäten, Partner warten monatelang auf Auditoren. Ich entschuldige mich inzwischen ständig für unsere Bürokratie.

Hinzu kommt: Bei Haselnüssen haben wir die verschärften EU-Grenzwerte für Nickel. Viele Produzenten in der Türkei – dem wichtigsten Haselnuss-Lieferanten weltweit – steigen deshalb aus.

Das passt zum Thema:

Warenverfügbarkeit

Sechs Gründe, warum Bio-Ware knapp werden könnte

Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln ist hoch, gleichzeitig gefährden der Klimawandel sowie wirtschaftliche und politische Entwicklungen die Versorgung des Marktes mit ausreichend Ware.

Welche Folgen hat das für Ihr Sortiment und die Lieferfähigkeit?

Stephan Paulke: Ausfälle hatten wir, aktuell stabilisiert sich die Lage etwas. Allerdings zu deutlich höheren Preisen für die Handelspartner, teils doppelt so hoch wie früher. Besonders hart betroffen sind unsere Kokosprodukte – Öl, Milch, Raspeln, Chips.

Was tun Sie, um trotzdem die Versorgung sicherzustellen?

Stephan Paulke: Entscheidend sind unsere langjährigen Partner, mit denen uns Vertrauen verbindet. Ohne sie wären wir nicht mehr im Geschäft. Wir stärken diese Bindungen und weiten zugleich unsere Lieferantenbasis aus. Zum Glück gibt es eine starke Bio-Community. Für mich ist Bio keine Mode, sondern ein gesellschaftlicher Erkenntnisprozess. Zudem nutzen wir die unterschiedlichen Erntezeiten weltweit – fällt ein Land aus, können wir manchmal auf andere Regionen ausweichen.

Erwarten Sie kurzfristig eine Entspannung der Situation?

Stephan Paulke: Nein, leider nicht. Ich fürchte, der Biomarkt muss sich auf längerfristige Mangellagen einstellen.

Hat dabei der Lebensmitteleinzelhandel einen Vorteil gegenüber dem Fachhandel wegen der größeren Abnahmemengen?

Stephan Paulke: Das kann man so pauschal nicht sagen. Wichtig ist: Der Fachhandel muss glaubhaft Leuchtturm bleiben – mit Kompetenz, Exklusivität und Qualität. Das gleiche Sortiment wie andere, nur teurer, funktioniert nicht. Deshalb halten wir unsere Marke Morgenland exklusiv für den Fachhandel. Für mich ist klar: Der Fachhandel hat eine Pionierfunktion, die er pflegen und ausbauen muss.

Das passt zum Thema:

Hersteller

Voelkel erhöht die Preise für Bio-Säfte drastisch – das sind die Gründe

Der Bio-Safthersteller kündigt Preiserhöhungen um bis zu 40 Prozent an – und die Einführung kleinerer Flaschen. „Shrinkflation“? Nein, sagt Jurek Voelkel im Gespräch mit BioHandel. Es ist die Rettung der Saftproduktion.

Kommentare

Registrieren oder anmelden, um zu kommentieren.

Weiterlesen mit BioHandel+

Melden Sie sich jetzt an und lesen Sie die ersten 30 Tage kostenfrei!

  • Ihre Vorteile: exklusive Berichte, aktuelles Marktwissen, gebündeltes Praxiswissen - täglich aktuell!
  • Besonders günstig als Kombi-Abo: ausführlich in PRINT und immer aktuell mit ONLINE Zugang
  • Inklusive BioHandel e-Paper und Online-Archiv aller Printausgaben beim ONLINE Zugang
Jetzt 30 Tage für 0,00 € testen
Sie sind bereits Abonnent von BioHandel+? Dann können Sie sich hier anmelden.

Auch interessant: