Zwei Ausstellungstage und eine Öffnung für Endverbraucher: Die BioMessen haben ihren Testlauf in Leipzig absolviert. Laut den Veranstaltern kamen vergangenen Samstag und Sonntag insgesamt 3.930 Fachbesucher und Verbraucher zur BioOst in die Leipziger Messehalle 5 – mehr als doppelt so viele Menschen wie im vergangenen Jahr (+126 Prozent).
„Weit über 2.200 Endverbraucherinnen und Endverbraucher hatten an diesem Wochenende direkten Kontakt mit Bio“, teilten die Veranstalter mit. War die BioOst also ein Erfolg? Was lief gut? Und woran kann noch gefeilt werden? Zunächst ein Blick auf die Zahlen.
Weniger Aussteller als im Vorjahr
Laut den BioMessen kamen vergangenes Wochenende 182 Aussteller nach Leipzig. Das waren 21 Stände weniger als im Vorjahr. Laut den Veranstaltern sind „20 bis 30“ Unternehmen, die sonst an der BioOst teilnehmen, wegen der Öffnung für Endverbraucher in diesem Jahr nicht gekommen. Gefehlt haben dieses Mal zum Beispiel Allos, Lebensbaum, Spielberger Mühle und Naturkost Erfurt. Gleichzeitig habe die Messe aber durch den zusätzlichen Publikumsverkehr andere Aussteller gewinnen können, hieß es.
Zahl der Fachbesucher ist stabil geblieben
Über die beiden Messetage hinweg registrierten die BioMessen 1.710 Fachbesucherinnen und -besucher. Zum Vergleich: Vergangenes Jahr waren es nur am Sonntag 1.732. Erwartungsgemäß kam die Mehrheit der Händlerinnen und Händler am Sonntag (1.230). Am Samstag waren es 480.
Endverbraucher kamen am Samstag und Sonntag
Im Vorfeld der BioOst hatten die Veranstalter Werbung für die Messe gemacht, Händler verteilten Gratistickets an ihre Kundschaft und Besucher der Agrar Landwirtschaftsmesse, die parallel auf dem Messegelände stattfand, erhielten kostenlosen Eintritt. Laut BioMessen kamen so insgesamt 2.220 Endverbraucher zur BioOst (Samstag: 1.100, Sonntag: 1.120).
Wie kam die Besucher-Öffnung bei den Ausstellern an?
Die BioOst war in diesem Jahr für alle Aussteller eine Blackbox. Insbesondere bei der Frage, wie viele Produkte sie wegen der Endverbraucheröffnung zusätzlich nach Leipzig mitbringen sollten. Ökoland fuhr dieses Mal mit zwei Paletten zur Messe, statt wie in der Vergangenheit nur mit einer. Bei Byodo packte man auf Verdacht insgesamt 400 Tüten mit Produkten. Viele kamen außerdem mit mehr Standpersonal, um einem möglichen „Ansturm an Besuchern“ gewachsen zu sein.
Insgesamt standen die Aussteller, mit denen BioHandel gesprochen hat, der Öffnung für Endverbraucher eher positiv gegenüber. Sie sehen die Notwendigkeit, dass sich die Messe etwas einfallen lassen muss, um wieder mehr Menschen in die Hallen zu bekommen. Bei Taifun-Tofu nannte man die zusätzliche Besuchergruppe „eine Bereicherung“, die für mehr Frequenz am Stand sorge.
Der Damenhygiene-Hersteller Natracare sieht in der Öffnung die Möglichkeit, bei den Konsumentinnen und Konsumenten auf sich aufmerksam zu machen. „Wir haben in dem neuen Messekonzept die Gelegenheit gesehen, mit Verbraucherinnen in Kontakt zu treten und den Mehrwert unserer Produkte direkt zu kommunizieren, da das Thema doch sehr aufklärungsbedürftig ist“, sagte Jasmin Jope. Für Daniel Henrich, Vertriebsleiter von Terrasana, war es „spannend, als niederländischer Anbieter direkt mit Kunden in Deutschland in Kontakt zu kommen“. Und Claudia Odenthal von Ökoland war „sehr zufrieden“ und plädierte für eine Wiederholung. Ezia Prataviera vom Wasserhersteller La Gioia sah für sein Unternehmen hingegen wenig Nutzen durch eine Teilnahme von Endverbrauchern.
Wie kam die Öffnung bei den Händlern an?
Bei den Händlern waren die Meinungen gemischt. Einigen missfiel, dass die Aussteller Produkte verkauften, und das stellenweise zu Preisen, die deutlich unter denen im Laden liegen. Mindestens ein Händler war außerdem verunsichert darüber, dass seine Kunden auf der Messe ganz viele Bio-Produkte sehen konnten, die er in seinem Laden gar nicht anbietet.
„Die Messe sollte den Fachbesuchern vorbehalten bleiben“, sagte eine Ladnerin aus Oppach dem BioHandel am Sonntag. Sie begründete das unter anderem damit, dass es wegen des erhöhten Besucheraufkommens vereinzelt schwieriger gewesen sei, an Gesprächspartner zu kommen. Gleichzeitig seien die Aussteller zurückhaltender gewesen beim Herausgeben von Produkten. Ein Bio-Händler aus Weimar bemerkte wegen der Anwesenheit der Verbraucherinnen und Verbraucher keinen Qualitätsverlust bei seinem Messebesuch.
Wie kam die Messe bei den Endverbrauchern an?
André Schenkel und Antje Thomas aus Chemnitz kaufen regelmäßig im Bioladen ein. Sie wurden auf die BioOst über Werbung aufmerksam und nutzten ihren Besuch, um die Hersteller hinter den Produkten, die sie kaufen, kennenzulernen. Beide ernähren sich vegan und waren positiv überrascht über das reichhaltige pflanzliche Bio-Angebot auf der Messe. Sie lobten die „herzliche Atmosphäre“ und das „superschöne, konzentrierte Programm“. Ein jüngerer Mann, Besucher der Agrar, hatte von der BioOst nur durch Zufall erfahren, wie er bei einem Bier am Stand der Neumarkter Lammsbräu erzählte. Zwar kaufe er keine Bio-Produkte, doch für ein Lammsbräu würde er auch mal in den Bioladen gehen, wenn der Preis passe, sagte er.
Anke Frohoff wollte vor ihrem Besuch auf der Agrar nur mal kurz über die BioOst schlendern. Zwei Stunden später war sie immer noch dort. „Wir hängen hier fest, weil es so viel zu sehen gibt“, sagte sie.
Wie kamen die Aussteller mit den beiden Besuchergruppen zurecht?
Insgesamt kamen die Aussteller gut mit den beiden Besuchergruppen zurecht. Viele hatten einen separaten Platz für Fachgespräche und einen Tisch für den Verkauf. Byodo etwa hatte einen Bereich mit Tisch und Stühlen für Geschäftskunden, einen für Verkostungen, sowie einen kleinen „Verkaufsladen“ für die Verbraucherinnen und Verbraucher.
Wie war der Verkauf organisiert?
Unterschiedlich. Es gab Aussteller, die einzelne Produkte verkauft haben. Mount Hagen, Endverbrauchermessen erprobt, bot ausgewählte Kaffees zum etwas günstigeren Messepreis an. Andere packten für die Verbraucher ein oder mehrere Bundles mit einem bestimmten Warenwert. Ökoland verkaufte Bratensoßen und Suppen in Taschen zu 5 und 10 Euro. Biovegan reiste mit 150 „Mysterybags“ an, deren Inhalte nur auf Nachfrage verraten wurden. Voelkel gab gegen eine Bar-Spende von 10 Euro für die Leipziger Kinderstiftung einen Beutel mit neuen Shots und Klassiker-Säften im Warenwert von 20 Euro raus.
Es gab aber auch Aussteller, die komplett auf einen Verkauf verzichteten. Taifun-Tofu und Hermann Bio zum Beispiel. Das lag unter anderem auch daran, dass die Aussteller nicht wussten, wie viel sie auf der Messe verkaufen würden. Selbst Soto, die auf Endverbraucher-Messen wie der Veggienale vertreten sind, hatten Probleme, die richtigen Mengen zu kalkulieren. Am zweiten Messetag verkaufte das Standpersonal drei Packungen nach Wahl für 5 Euro statt tags zuvor für 8 Euro, um keine Ware entsorgen zu müssen, denn ein gekühlter Rücktransport von nicht verkauften Produkten wäre nicht möglich gewesen.
Wie lief der Verkaufsprozess?
Hier waren die Strategien der Aussteller unterschiedlich: Es gab Hersteller, die nur Bargeld entgegennahmen, manche akzeptierten nur Kartenzahlung. Bei anderen war beides möglich. Alle Aussteller verkauften ihre Waren zu einem Messepreis, der mal mehr, mal weniger stark unter den Preisen im Laden lag.
Haben sich zwei Tage Messe gelohnt?
Teilweise. Am Samstag war insgesamt deutlich weniger los an den Ständen als am Sonntag. Das lag vor allem an den lediglich 480 Fachbesuchern am ersten Tag. Etliche Hersteller bemängelten die schwache Händlerpräsenz und dass es sich nicht gelohnt habe, mehr Personal als sonst mitzunehmen. Ein Aussteller sprach von „Langeweile” am Stand.
Andererseits: Am Sonntag dürfte der ein oder andere Aussteller froh darüber gewesen sein, wenn er mehr helfende Hände am Stand hatte als sonst. Stellenweise war richtig viel Betrieb in der Halle. Gut möglich, dass es noch deutlich mehr gewesen wäre, hätte die Messe sich nicht dazu entschieden, auch den Samstag zu öffnen, um die Endverbraucher besser zu verteilen. Stefanie Kelm von Vivani sagte bereits am Samstag, dass sie nicht mit so vielen Endverbrauchern gerechnet habe. Dazu noch eine ganz theoretische Milchmädchenrechnung: Wären am Sonntag statt 2.350 alle 3.930 Besucher gekommen, wäre die Ausstellungsfläche zumindest zeitweise heillos überlaufen gewesen.
Gleichwohl kam wiederholt die Frage an den Ständen auf, ob es nicht sinnvoller sei, zumindest an einem Tag nur Fachbesucher zuzulassen. Auch, weil die Unterscheidbarkeit von Verbrauchern und Fachbesuchern schwierig war. Die bunten Armbänder für Aussteller und die geblümten Bändchen für Fachbesucher verschwanden meist unter der Kleidung und reichten nicht aus, um direkt zu erkennen, wer beruflich auf der BioOst unterwegs war und wer aus privaten Gründen kam. Viele Aussteller taten sich dadurch schwerer bei der Ansprache. Immerhin: Am Sonntag teilte die Messe zusätzlich auch Ansteckschilder an Händler und Co. aus.
Ging die Strategie mit der Agrar Landwirtschaftsausstellung auf?
Teilweise. Ja, es waren Besucher der Agrar Landwirtschaftsausstellung auf der BioOst. Einige von ihnen waren daran zu erkennen, dass sie einen Plastikeimer von der Agrar in der Hand hatten, einen Strohhut auf dem Kopf trugen, oder mit Arbeitshose und -Schuhen bekleidet kamen.
Das Problem: Die BioMessen haben zwar erfasst, wie viele Endverbraucher an den beiden Tagen jeweils auf der Messe waren. Doch wie sie ihren Weg dorthin gefunden haben, ist unklar. Genau das wäre aber sehr wichtig für künftige Planungen. Im Falle einer Wiederholung im nächsten Jahr stehen Messe und Aussteller somit erneut vor der Frage, mit wie vielen Endverbrauchern sie rechnen müssen. Denn die Agrar Landwirtschaftsausstellung findet 2027 nicht statt, sondern nur alle zwei Jahre.
Fazit
„Mit der Öffnung der BioOst für Verbraucherinnen und Verbraucher leisten wir unseren Beitrag dazu, mehr Menschen für Bio zu begeistern, indem wir Bio-Lebensmittel, die Menschen, die sie herstellen, und ihre Werte direkt erlebbar zu machen“, sagte Co-Veranstalter Matthias Deppe im Vorfeld der Messe. Zweifelsohne hat die BioOst am Samstag und Sonntag zahlreiche Menschen angelockt, die sonst mit Bio nichts oder nicht viel zu tun haben. Vermutlich wird der Messe-Besuch bei vielen von ihnen nicht dazu führen, dass sie ihre Konsumgewohnheiten ändern. Aber selbst wenn das nur bei einigen der Fall sein sollte, wäre das schon ein kleiner Erfolg – für die Organisatoren, die Hersteller und die Händler.
Kommentare
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Als Händler fand ich die Verteilung auf zwei Tage gut, war auch beide da. Die „alte“ Bio-Ost nur am Sonntag war mir von 10-17:30 deutlich zu kurz. Jetzt mit den weniger (wichtigen) AusstellerInnen hätte es ggfs. auch Sonntag gereicht, das wäre jetzt wegen der vielen BesucherInnen aber schwierig geworden.
Ich hatte keine Probleme, Retail-Gespräche zu bekommen (außer am Sonntag, aber das gibt es ja auch auf der Biofach). Alle AusstellerInnen wären bereit gewesen, sich mit mir zurückzuziehen, wenn wir keine ausreichende Ruhe/Privatsphäre gehabt hätten. Der von der Messe geplante Fachhandelsbereich ist gescheitert, aber auf Fehlern kann mensch ja lernen. Die Lounge (auf die hatte ich mich ein wenig gefreut) hat mE keineR als solche wahrgenommen. Anstatt direkt am Infopoint und ganz offen einsehbar könnte ich mir vorstellen, diese zukünftig „außerhalb“ des Messe-Rechtecks („also hinter der Wand“/in der Hallen-Leere) zu platzieren, da hätten wir Ruhe, es gäbe wenig Fehlnutzungsdruck durch Besuchende und wenn es dort dann tatsächlich mal „zu“ eng würde, weil zwei z.B. Teehersteller nicht in Hörweite nebeneinander Retailgespräche führen wollten, ist da so viel Platz, sich auseinanderzusetzen.
Was auch nicht funktioniert hat, war Nicht-Retail mit kleinen Aufstellern aus einzelnen Gängen rauszuhalten. Wenn die Messe so etwas wieder anbieten will, müssen da Menschen den Zugang regeln. Bleibt aber die Frage, ob das zukünftig nachgefragt wird.
Klar: Es erfordert von den AustellerInnen mit mehr Personal dazu sein und sich (mit den Erfahrungen jetzt) besser auf die Nicht-Retail-Menschen einzustellen. Aber um Kauf/Verkauf ging es mE auch gar nicht. Die Kundschaft hatte eher kein Preisgefühl für die angebotenen Dinge, wären auf der Messe auch zu höheren Preisen bereit (siehe Grüne Woche/ Event-Charakter einer solchen Veranstaltung).
Ich war nicht bis zum bitteren Ende da, würde aber sagen, dass am letzten Tag der Biofach tatsächlich (trotz noch schärferer Einlaßkontrolle) deutlich aggressiveres und massiveres Abgreifen/Betteln/Klauen an den Ständen stattfindet. Ich habe auf der Bioost sowas kaum wahrgenommen.
Die Messe war gut, um die eigene Marke zu stärken und Direktkontakt zu bekommen.
Vielleicht bringt es einige AusstellerInnen dazu, den eignen Messeauftritt zu überdenken und plakativ die wirklich relevante Message herauszustellen: Was macht mich für wen interessant, was ist mein USP.
Retailbesuchende haben mE nicht gelitten und könnten sich, so sie mehr Ruhe wollen, zukünftig auf Samstag stürzen oder, was mir alle Ausstellenden auf Nachfrage zugesagt haben: Termine machen
Der Messegesellschaft würde ich ans Herz legen, mit den Anmelde-Daten wirklich Ausweise für die FachbesucherInnen zu machen und so auch für die ausstellenden eine noch schärfe und schnelle/intuitive Zuordnung zu ermöglichen. Ist auf der Biofach auch in den Hintergrund getreten. Aber das hilft den ausstellenden , schnell und sicher einzuschätzen, wer da gerade steht: Wirklich ein echter Retail, nur ne Einkaufsgemeinschaft, nur Presse/InfluenzerInnen (o.ä.) (statt ein blödes Gefühl im Bauch zu haben, weil da jemand behauptet, vom Bioladen soundso zu kommen…..
Und ganz wild gedacht: Die Messe könnte den AusstellerInnen ja einen Arbeitskräftepool anbieten, die dann spontan dazugebucht werden können, wenn am Stand Hilfe gebraucht wird.