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Biokreis erlaubt In-Ovo Selektion in der Hühnerzucht

Tierhaltung

Weil sich Bruderhahn-Produkte nur schwer verkaufen lassen, dürfen Biokreis-Mitglieder Eier aus Brütereien beziehen, bei denen eine Geschlechtsbestimmung im Ei erfolgt ist. Nicht allen Verbänden gefällt dieser Vorstoß.  

Seit dem Jahr 2022 ist das Kükentöten in Deutschland verboten. Geflügelhöfe müssen die ausgebrüteten Bruderhähne zu den Legehennen verpflichtend aufziehen – etwas, das einige Biobetriebe schon seit über zehn Jahren praktizieren. Andere Biobetriebe setzen auf Zweinutzungshühner, also Rassen, die sich sowohl für die Eier- als auch für die Fleischproduktion eignen. 

Zusätzlich gibt es die Möglichkeit der sogenannten In-Ovo-Selektion. Dabei handelt es sich um eine Technologie, die es erlaubt, das Geschlecht des Kükens schon im Ei zu bestimmen. Dafür wird in die Eier ein winziges Loch gebohrt, aus dem eine Flüssigkeitsprobe entnommen wird. Im Labor kann so festgestellt werden, ob es sich um ein männliches oder weibliches Embryo handelt. Bei braunen Eiern funktioniert das auch durch rein optische Verfahren. Männliche Embryonen können somit einfach aussortiert werden und es werden nur die weiblichen Legehennen ausgebrütet. 

Die Eier mit männlichen Küken werden zu Tierfutter verarbeitet. Weil im seinerzeit aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand angenommen wurde, dass Hühnerembryonen schon ab dem 7. Bebrütungstag Schmerzen empfinden können, war die In-Ovo Selektion zunächst nur bis zum 7. Tag erlaubt. 

Zwischen In-Ovo und Bruderhahn

Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, dass das Schmerzempfinden von Hühnerembryonen erst ab dem 13. Bebrütungstag nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Deshalb gilt seit 2024 Tag 13 der Bebrütung als Grenze, ab der Verfahren zur Geschlechtserkennung im Ei nicht mehr zugelassen sind.

Das Verfahren findet vermehrt Zuspruch unter Geflügelhaltern: 2025 wurden schon 28 Prozent der Bruteier für Legehennen mit Geschlechtserkennungstechnologien selektiert. Auch die EU-Öko-Verordnung erlaubt die In-Ovo-Selektion. 

Anders ist es bei den meisten Bio-Anbauverbänden. Bioland, Naturland und Demeter lehnen Methoden zur Geschlechtsbestimmung im Ei bislang ab und setzen stattdessen auf die Bruderhahnaufzucht oder auf das Zweinutzungshuhn. Bioland und Naturland tragen gemeinsam die Ökologische Tierzucht (ÖTZ), ein Unternehmen, das robuste Zweinutzungsrassen für den Biolandbau züchtet. Biopark macht seinen Mitgliedern keine Vorgaben zur Aufzucht der Bruderhähne, dort ist die In-Ovo-Selektion somit zulässig.

Biokreis geht einen anderen Weg

Am 18. März 2026 gab nun auch der Verband Biokreis bekannt, seinen Mitgliedern zukünftig zu erlauben, Eier aus Brütereien zu beziehen, bei denen eine Geschlechtsbestimmung im Ei erfolgt ist. Somit sind Biokreis-Betriebe nicht mehr verpflichtet, die Bruderhähne mit aufzuziehen. Der Beschluss wurde auf der jährlichen Mitgliederversammlung des Bioverbandes in Neumarkt in der Oberpfalz getroffen. Auslöser war ein Antrag aus dem Kreis der Mitglieder, welcher mit großer Mehrheit angenommen wurde. 

„Über 90 Prozent der bei der Mitgliederversammlung anwesenden Mitglieder haben dafür gestimmt, dass Biokreis-Hühnerzüchtende ergänzend zur bewährten Bruderhahn-Aufzucht die Möglichkeit erhalten, männliche Hühnereier nicht weiter zu bebrüten”, so Biokreis-Pressesprecherin Anna Birkl. Der Beschluss sei bereits rechtskräftig. „Die Voraussetzungen dafür sind streng und nochmals deutlich restriktiver als die Vorschriften der EU-Öko-Verordnung: So darf die Bebrütung männlicher Hühnereier maximal bis zum neunten Tag abgebrochen werden, wenn das Geschlecht erstmals klar erkennbar ist“, ergänzt Birkl.

Biokreis-Geflügelhalter waren bisher verpflichtet, die Bruderhähne zu den Legehennen aufzuziehen. „Mein Bruder darf leben“, heißt es noch auf der Website des Verbandes, und weiter: „Als Biokreis haben wir eine klare Haltung: Wir lehnen die Geschlechtsbestimmung im Ei ab, da wir für eine Landwirtschaft einstehen, die im Einklang mit der Natur arbeitet und das Wohl der Tiere respektiert.“ Die Aufzucht der Bruderhähne wurde als „Übergang hin zu einer ganzheitlichen Nutzung der Tiere“ gesehen, während das Zweinutzungshuhn als Lösung gesehen wurde, für die es galt, passende „Strukturen beständig weiterzuentwickeln“.

Vermarktung bleibt Herausforderung

Ob Bruderhahn oder Zweinutzungshuhn, Eier und Fleisch von beiden sind teurer, weshalb sich die Vermarktung bei der zunehmend preissensiblen Kundschaft oft schwierig gestaltet.  Deshalb sei Biokreis nun auch diesen Schritt gegangen: „Hintergrund der Entscheidung ist die trotz umfassender Aufklärung leider häufig mangelnde Nachfrage nach Hähnen bei gleichzeitig großem ökologischem Fußabdruck, wenn sie dennoch aufgezogen werden“, so der Verband in seiner Pressemitteilung. Beschwerden zum Mitgliederentscheid sind keine bekannt.

Bislang gibt es in Deutschland nur wenige Brütereien, die Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brutei anwenden. Darunter sind die „Bio-Aufzucht Gudendorf-Ankum“  sowie die Unternehmensgruppe „ab ovo“ im nordrhein-westfälischen Ahlen. Aktuell wolle man sich laut Medienberichten in einer Bio-Brüterei von „ab ovo“ auf Wunsch von Biokreis an Verfahren herantasten, die die Geschlechtsbestimmung im Brutei bis zum neunten Tag erlauben, also deutlich früher als die gesetzlich erlaubten 13 Tage. Ab-ovo-Geschäftsführer Malte Wolter sagte zum Online-Portal Geflügelnews: „Wir müssen schauen, wie stark die Zuverlässigkeit leidet, wenn wir die Selektion bereits früher vornehmen.“  Einer Studie zufolge liegt die Trefferquote von optischen In-Ovo-Selektionsverfahren am 13. Tag bei 97,8 Prozent.

Reaktionen der Bio-Anbauverbände auf die Entscheidung

Das Thema In-Ovo-Selektion wird bei den Bio-Anbauverbänden nach wie vor kontrovers diskutiert.  Bislang galt die klare Stellungnahme zur Bruderhahnaufzucht und zur Züchtung von Zweinutzungsrassen als Unterscheidungsmerkmal der Bio-Anbauverbände gegenüber den EU-Bio-Richtlinien.

Naturland bedauert den Alleingang von Biokreis beim Thema In-Ovo-Selektion: „Als die Geschlechtsbestimmung im Ei gesetzlich zugelassen wurde, haben die Bio-Verbände sich gemeinsam darauf verständigt, das Verfahren zunächst nicht zuzulassen und stattdessen die Entwicklung von Bruderhahn und Zweinutzungshuhn voranzutreiben. Zugleich haben die Geflügel-Experten der Verbände die weitere Entwicklung der Technologie fortlaufend beobachtet“, so Naturland-Pressesprecher Markus Fadl. „Ein gemeinsames, miteinander abgestimmtes Vorgehen der Bio-Verbände wäre hier aus unserer Sicht für alle besser gewesen.“

Auswirkungen auf Rohwarenanerkennung

Der Schritt von Biokreis, die Geschlechtserkennung im Ei zuzulassen, werde auch Auswirkungen auf die Rohwarenanerkennung zwischen den Anbauverbänden haben. Nach der Vereinbarung werden Rohwaren der Zertifizierer untereinander anerkannt, sofern sie mit den jeweiligen Verbandsrichtlinien und Qualitätsstandards konform sind. 

„Bei relevanten Richtlinienunterschieden ist eine gegenseitige Anerkennung nicht mehr ohne weiteres möglich. Aktuell verlangt die Naturland Richtlinie, dass der Bruderhahn ökologisch aufgezogen wird. Das gilt auch für Biokreis-Betriebe, die in Naturland zertifizierte Kanäle liefern wollen“, so Fadl. Aktuell werde beispielsweise Naturland Biokreis-Eier weiterhin annehmen, sofern die Bruderhähne mit aufgezogen wurden. In Zukunft müsse das individuell geprüft werden.

Bioland sehe zum jetzigen Zeitpunkt keine Anpassung seiner Position vor, so Pressesprecher Leon Mohr: „Wir beobachten die technologische Weiterentwicklung sowie den Forschungsstand in dem Bereich sehr genau. Unser Anspruch sind Verfahren, die den Grundprinzipien des ökologischen Landbaus sowie einem hohen Tierschutzniveau gerecht werden und sich mit dem Stand der Forschung decken.“ 

Naturland wolle die Frage, ob In-Ovo neben Bruderhahn und Zweinutzungshuhn eine zusätzliche Option werden könnte, auf der Delegiertenversammlung im Mai grundsätzlich diskutieren. „Der Ausgang dieser Diskussion ist offen. Eine Richtlinien-Änderung wäre aber frühestens auf der folgenden Delegiertenversammlung im November möglich, auch weil Naturland sich hier vorher eng mit Bioland abstimmen will“, so Fadl. 

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