Nach sechs Stunden Gruppendiskussion stand ein Ergebnis: „Die Biofach bleibt im Produktbereich Bio“. Auf diesen Satz verständigte sich die Biofach Anfang Mai mit 25 Branchenvertretern aus Verbänden, Handel, Herstellung, Wissenschaft und Beratung. Für die Messeleitung ist dieser Satz auf den ersten Blick ein Befreiungsschlag: Sie stoppte damit die Diskussionen und Kritik an ihrer Ankündigung kurz vor der diesjährigen Biofach, die Messe ab dem Jahr 2027 auch für Lebensmittel zu öffnen, die kein Bio-Siegel tragen. Die Nachricht hatte sehr viele aus der Branche überrascht.
Die Biofach steht – wie die Biobranche insgesamt – vor großen Herausforderungen: Die Zahl der Ausstellenden sinkt seit Jahren. Sie klagen seit geraumer Zeit über die hohen Kosten für Hallenfläche, Hotelübernachtungen und Messepersonal. Gleichzeitig kommen aufgrund von Konzentrationsprozessen immer weniger Händler zur Biofach. Hinzu kommt der Transformationsprozess, in dem die Lebensmittelwirtschaft steckt. Nachhaltige Ernährung hat heute viele weitere Dimensionen als das noch 1990 der Fall war, dem Jahr, in dem die Biofach das erste Mal in der Stadthalle Ludwigshafen veranstaltet wurde.
Bio ist ein sehr wichtiger Teil für eine zukunftssichere Nahrungsmittelwirtschaft, aber längst nicht die einzige. Die Biofach hat das erkannt. „Die Bio-Branche muss sich aktiv in die Weiterentwicklung eines nachhaltigen Ernährungssystems einbringen“, erklärte Dominik Dietz im Februar. Es brauche zusätzlich neue Perspektiven, neue Akteure und den Blick über die eigene Bubble hinaus, um zukunftsfähig zu bleiben.
Probleme sind nicht gelöst
Freilich gibt es auch innerhalb der Bio-Branche ganz unterschiedliche Ansichten darüber, was auf der Biofach sinnvoll ist und was nicht. „Die Biofach hat auch ganz andere Probleme als die Verbände oder der Handel“, sagte Simon Krischer, Biokreis-Geschäftsführer und einer der Teilnehmer am Roundtable. „Wir schauen alle aus ganz unterschiedlichen Perspektiven auf die Biofach. Die Messe will Standflächen verkaufen, die Hersteller ihre Produkte, und die Verbände wollen Mitglieder umwerben und mit diesen die gemeinsamen Produkte bewerben“, so Krischer.
So gesehen verwundert es nicht, dass die Kernbotschaft der Messeleitung am Tag nach dem Roundtable einen Status quo beschrieb, der schon immer für die Biofach galt: Alle ausgestellten Lebensmittel, bei denen das möglich ist, müssen aus ökologischer Erzeugung stammen. Für Matthias Beuger, der für die AöL am Roundtable teilnahm, sind die Probleme, die die Biofach mit ihrer ursprünglich geplanten Neuausrichtung adressieren wollte, nicht gelöst worden. „Das, was als Ergebnis herausgekommen ist, verändert nichts an der aktuellen Situation der Biofach“, sagte er im Gespräch mit BioHandel.
„Der Elefant im Raum“ wurde nicht diskutiert
Dass weiterhin nur Bio-Produkte ausgestellt werden können, darüber herrschte offenbar schnell breiter Konsens unter den Teilnehmenden. Christian Eichert, Vorstand beim Netzwerk Ernährungsräte, sagte, er sehe die Gefahr, dass weitere Aussteller abspringen könnten, wenn die Messe ihr Bio-Profil verlöre.
Matthias Beuger kritisierte, dass der „Elefant im Raum“ nicht wirklich diskutiert worden sei, nämlich die Frage: „Gibt es eine sinnvolle, realistische Möglichkeit, auch Nicht-Bio-Produkte auf der Biofach auszustellen? Und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?“ Man habe zwar viel über „Bio plus“ gesprochen – also über Themenfelder rund um nachhaltige Ernährung –, die Frage, ob und wie angrenzende Produktwelten integriert werden könnten, sei jedoch nicht vertieft worden, sagte er.
Alle Teilnehmenden, mit denen BioHandel gesprochen hat, bewerteten die Zusammensetzung des Roundtables positiv. BNN-Geschäftsführerin Kathrin Jäckel bezeichnete die Runde als „gut verteilt und ausgewogen“. Gleichwohl kam einigen der Blick über den deutschen Tellerrand zu kurz. Einziger „internationaler“ Akteur war IFOAM Organics International, vertreten durch Senior Manager Thomas Cierpka. In ihrer Pressemitteilung nach der Diskussionsrunde hatte die Biofach mitgeteilt, den internationalen Teil weiter ausbauen zu wollen. Simon Krischer hätte es zudem begrüßt, wenn Bio-Pioniere wie Hardy Vogtmann oder Renate Künast mit am Tisch gewesen wären, „um an Grundgedanken der Bio-Branche und deren Geschichte besser anknüpfen zu können“. Matthias Beuger wiederum hätte sich „mehr jüngere Gesichter in der Runde gewünscht“.
Trendthemen und Nonfood
Im Stile eines World Cafés und geleitet durch externe Moderatoren wurden in unterschiedlichen Arbeitsgruppen Themen priorisiert und anschließend diskutiert. Es ging unter anderem um neue Zielgruppen, den Bereich Nonfood und relevante Trends für die Branche wie Darmgesundheit, Plant Based und Longevity. „Wir haben diskutiert, wie aktuelle Trendthemen auf der Ausstellungsfläche stärker in den Vordergrund kommen können. So könnte man vielleicht auch Fachbesucher aus anderen Bereichen wie zum Beispiel der Gastronomie, Hotellerie und dem Gesundheitswesen auf die Messe holen“, sagte Kathrin Jäckel.
Eine Öffnung für Endverbraucher, wie es die BioMessen in Leipzig getestet haben, war lediglich ein Randthema beim Roundtable. „Eine Verbrauchermesse wie die Internationale Grüne Woche in Berlin wäre eine Horrorvorstellung. Das will keiner“, sagte Christian Eichert. Auch Matthias Beuger steht einer Öffnung für Endverbraucher skeptisch gegenüber. Ihm fehlte vielmehr die Diskussion darüber, „wie man die Biofach als Vertriebsmotor für Bio stärkt und die Messe attraktiver für die großen und mittelgroßen Lebensmittelhändler aus dem europäischen Ausland macht“. Auch eine Messe im Zweijahrestakt wurde nicht diskutiert.
Zukunft der Naturkosmetik
Vage blieb auch die Zukunft der Naturkosmetik auf der Biofach. Ursprünglich hatte die Messe angekündigt, diese Produkte ab 2027 nicht mehr zulassen zu wollen. Mit Naturkosmetik-Expertin Mirja Eckert saß beim Roundtable zwar eine Vertreterin dieses Bereichs mit am Tisch. Ob und gegebenenfalls wie es damit weitergeht, soll geprüft werden.
Die Messeleitung teilte nach dem Treffen mit, die Ergebnisse würden nun ausgewertet und „im engen Austausch mit der Branche konkretisiert“. Eine Roadmap nach dem Roundtable war jedoch keinem der vier Gesprächspartner bekannt. „Es müssten eigentlich noch einige Roundtables folgen, die standen aber nicht konkret im Raum“, sagte Matthias Beuger.
Kleinster gemeinsamer Nenner
Fazit: Mit dem Treffen in Nürnberg hat die Biofach relevante Akteure stärker in die weitere Entwicklung der Messe eingebunden und damit Vertrauen zurückgewonnen. Die Branche hat sich vorerst auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner verständigt – die Biofach bleibt Bio. Die eigentliche Debatte, wie die Messe relevant bleiben kann, hat am 6. Mai begonnen.
Kommentare
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Moin,
ja, die BF wird so, wie sie jetzt läuft, sterben.
Es werden weniger AusstellerInnen kommen (weil immer weniger Betriebe bio produzieren, verarbeiten und handeln (fragt doch mal die Kontrollstellen), und weniger dieser Betriebe vertreiben national und fragen sich, was sie auf der BF sollen.
Immer weniger Handelstreibende kommen oder können kommen: es gibt weniger, sie haben weniger Zeit und meist weniger Geld, immer häufiger entscheiden immer weniger Köpfe für immer mehr Fläche.
Wenn also wieder mehr Fachpublikum kommen soll (was ja "die Währung" für alle rund um die BF ist), dann ist doch die Frage: Wo sind die und was hält sie ab zu kommen:
Wo ist eine Kinderbetreuung, die jungen Familien eine Freude macht? (Stöhnen über die Grüne Woche ist wohlfeil, aber habt ihr mal gesheen, wie viel Fachpublikum gerne kommt, weil die Familie mitzieht und es will, weil die Kinder an den Tieren aufblühen? (zur Biofach ist immer die Frage, wieviel Zeit will/kann ich von der Familie weg sein oder wo stelle ich die Kinder unter...) Und ihr wollt junge Leute fischen? da gibt es (insb im Biobereich) noch jede Menge Menschen, die sich der Fortpflanzung nicht wiedersetzen...
Macht Besuchsprogramme für Personal der Filialisten, HerstellerInnen, GHInnen, das ist unser Reservoir für neue Betriebe, das sind die Leute, die die Wertschätzung für Bio wirklich lernen sollten.
Da geht es nicht um "Freikarten durch die Welt" werfen, sondern um Orga-Pakete: Freistellungen, Anreisen, Führungen. Fragt doch mal PersonalvertreterInnen von großen Biounternehmen, was die Leute sich wünschen, um sich in Gruppen auf zur Messe zu machen....
Scheißt auf den freien Sonntag: Schaut dochmal die Diskussion um die Bildungsmessen an, wann können die Leute, die jeden Tag unter Feuer stehen? Sollen die Urlaub nehmen, ihre Betriebe runterfahren?
Habt ihr mal auf die Zahlen geschaut, an welchen Werktagen im (Bio-)Handel am meisten los ist, wann Hofläden brummen?
Mag ja sein, dass wir die Personalnot bald ein wenig mindern können, aber ich kenne seit Jahren nur Leute, die gerne zur Messe fahren würden, aber nicht wissen, wie die Vertretung im Betrieb/in Familie usw gelöst werden soll.
Dann kommen irgendwann nur noch die Profis der Profis, die aber die wesentlichen GH und Hersteller eh unterjährig 1:1 betreuen, die nehmen die BF dann nur noch als Gesprächsrundenhopping, weil sie ja meist eh wissen, was in der Produktpipeline ist.
Und klar gibt es Fachpublikum am bioHANDEL nah dran? Wo ist der Messecontent für Gastros, AHV (Staatlich oder industriell), Kioske, Döners etc.
Seit Jahren unser "Biozielgebiet", aber spezifische Angebote für die sind doch eher im BF LEH Bereich, das könnte die BF doch ändern
Und sicher gibt es auch in der Maschienindustrie ähnliche Problem, der Suply-Bereich inder BF ist jetzt Jahr für Jahr weggescholzen, aber doch wohl eher, weil das niemand richtig beackter hat: Immer mehr Landwirtschaftsbetriebe machen Selbstveredelung, immer mehr Startups brauchen Profimaschienen (Kleinstabfüllung/Käserei/etc pp) , auch das darf BF sein und auch deren Publikum ist ein Gewinn für alle!
Und natürlich muß die Biofach wieder bessrer strukturiert werden. neimand leibt es, auf eienr dann hoffentclih gutbesuchten Messe "seine" stände" in den menschenmengen zu suchen. So was ist für uns alten Hasen nett, neue Leute brauchen Orientierung (Maschinenecke, Weinecke, Kosmetikecke etc. pp), das Publikum ist doch nicht doof und schaut sich von alleien um, aber die Stände zu verstreuen kostet den Besuchenden massiv Zeit, die sie dann für das gewollte Schlendern zu den anderen nicht mehr haben.
es ist die falsche Herangehensweise, z.B. einen Gemeinschaftsstand des Großhandels aufzugeben, weil zu wenig interessierte Besuchende kommen. Anders wird ein Schuh daraus: Wir brauchen (frisches) Publikum, dass hat ganz konkrete Wünsche (Themen für ihre Idee) und Fragen (Suport; EDV, GH etc) und die müssen intuitiv und schnell gefunden werden, das macht dann positives Messeerlebnis und bringt wieder neue Leute....