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Bio-Großhändler unter doppeltem Druck

Steigende Kosten, sinkende Umsätze

Die Unternehmen kämpfen mit einem „riesigen Kostendruck in der Logistik“ und einer „limitierten Umsatzentwicklung im Fachhandel“. Was die jüngsten Insolvenzen, Übernahmen und Zusammenschlüsse im Bio-Großhandel bedeuten.

Der regionale Bio-Großhandel hat in diesem Jahr einige wirtschaftliche Auflösungserscheinungen gezeigt. Von Naturkost Nord und Naturkost Erfurt kam im Sommer jeweils die Nachricht, dass sie Insolvenzverfahren beantragen mussten. Anfang des Jahres verkündete Naturkost West die Übernahme durch die Edeka-Regionalgesellschaft Rhein-Ruhr, die anschließend mit Edeka Nord zu Edeka Nordwest fusionierte. Und die Gründung einer gemeinsamen Dachgesellschaft zwischen Terra Naturkost und Bio Company hat ebenfalls wirtschaftliche Gründe. Mit der Bioverbund SE wollen die beiden Unternehmen, „wettbewerbsfähige Konditionen“ garantieren.

Was die Großhändler aktuell am meisten belastet, ist ein übler Mix aus gestiegenen Ausgaben und schrumpfenden Einnahmen. „Ich nehme insgesamt wahr, dass viele Großhändler unter Druck stehen, weil insbesondere die Kosten in der Logistik immer weiter steigen, weil Lohnkosten steigen, weil Energiekosten steigen“, sagte Nina Schritt, Geschäftsführerin der Großhändler Naturkost Nord und Kornkraft Naturkost im Gespräch mit BioHandel. „Gleichzeitig entwickelt sich der Umsatz nicht im gleichen Sinne dynamisch. Diese Entwicklung langfristig zu stemmen, stellt viele Großhändler vor große Herausforderungen“, so Schritt. 

Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Nina Schritt

„Wir befinden uns seit zwei Jahren in einer Sanierungsphase“

Katarina Schritt, Naturkost Nord

Katarina Schritt ist Geschäftsführerin bei den Großhändlern Kornkraft Naturkost und Naturkost Nord. Im Interview erklärt sie, warum Naturkost Nord Insolvenz beantragen musste und welche Pläne sie für die Sanierung hat.

Auch Weiling-Geschäftsführer Peter Meyer sieht in den Logistikkosten für seine Branche die derzeit größte Herausforderung. „Diese Kosten könnten letztendlich nur gedeckt werden durch Lieferwerte, die auf dem Lkw sind“, sagte er dem BioHandel auf der Weiling-Hausmesse Mitte September. Und auch Ulrike Claus von Claus Reformwaren berichtet von einem „riesigen Kostendruck in der Logistik“, der alle Unternehmen gleichermaßen treffe. 

Im Falle von Naturkost Nord zwangen am Ende auch Ausgaben für zu große Lagerkapazitäten, die kurzfristig nicht gekündigt werden konnten, in ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Man befinde sich bei Naturkost Nord im Prinzip seit dem Einstieg von Kornkraft vor rund zwei Jahren in der Sanierung, sagt Nina Schritt. Viele Dinge seien bereits auf einem guten Weg. Kornkraft hält laut Handelsregister 89,99 Prozent der Anteile an Naturkost Nord. 

Wirtschaftliche Probleme liegen tiefer

Die gestiegenen Kosten haben letztlich ein Problem der Großhändler verschärft, das sich schon länger abzeichnet. Die Zahl der unabhängigen Bioläden schrumpft seit Jahren kontinuierlich und damit auch die Zahl der Kunden für die Großhändler. Dieser Schwund wird zumindest in Teilen aufgefangen von den nationalen Filialisten Alnatura und Denns, die regelmäßig Märkte eröffnen oder übernehmen. Doch davon hat der Großhandel nicht viel: Dennree ist der Hauptlieferant seiner Märkte im „BioMarkt-Verbund“. 

Auch Alnatura hat sich weitestgehend unabhängig vom Naturkostgroßhandel gemacht, seitdem Metro Logistics vor mehr als zwei Jahren die deutschlandweite Steuerung der Frischelogistik für die Supernaturmärkte und für die von Alnatura belieferten LEH-Outlets übernommen hat. Das Nachsehen hatten die Großhändler Grell, Naturkost West, Rinklin Naturkost, Ökoring und Terra Naturkost, die in der sogenannten „Agwert“ bis zu diesem Zeitpunkt die regionale Belieferung der Alnatura-Märkte übernommen hatten. 

„Man kann sich vorstellen, welche Bedeutung ein Kunde wie Alnatura für die Großhändler hatte“, sagt Thomas Wedmann, Geschäftsführer des Großhändler-Netzwerks „Die Regionalen“. Das stecke man nicht mal so eben weg. Die Großhändler versuchten auf unterschiedliche Weise gegenzusteuern. Es wurden Logistikprozesse optimiert, Beschäftigte entlassen, Geschäfte in der Außer-Haus-Verpflegung intensiviert, Beziehungen zum LEH ausgebaut. Doch das Loch, das Alnatura mit dem Ausstieg in ihre Umsatzstatistik gerissen hat, konnten sie bis heute nicht kompensieren. Die Folgen spüren sie auch zwei Jahre später noch. 

Auch wenn der Großhandel insgesamt unter wirtschaftlichem Druck steht, Thomas Wedmann hält das nicht für eine strukturelle Krise. „Ich sehe natürlich die Herausforderungen, mit denen wir alle gleichzeitig, aber auf unterschiedliche Weise zu kämpfen haben. Diese betreffen nicht nur den regionalen Großhandel. Dabei sind die Herausforderungen in verschiedenen Märkten ganz unterschiedlich. Und darum müssen wir auch völlig unterschiedlich damit umgehen.“ 

Zum Überleben braucht es mehr Effizienz

Ob weitere Großhändler in wirtschaftliche Schieflage geraten, hängt auch davon ab, ob sich die Kosten für Transport und Logistik weiter nach oben entwickeln. Gleichzeitig ist der Aufwand, den sie betreiben, sehr hoch. „Die regionalen Großhändler setzen auf Vielfalt statt auf Monokulturen – im Handel und auf Erzeugerseite. Damit geht einher, dass wir meist viel kleinere Losgrößen bewegen, sowohl mit den regionalen Erzeugern als auch mit den regionalen Ladnerinnen und Ladnern“, erklärt Wedmann. „Das heißt, wir profitieren weniger von Skalenerträgen als größere, stärker filialisierte Strukturen dies tun. Entsprechend treffen uns zusätzliche Kostensteigerungen härter.“ Dennoch sei es diese Kleinteiligkeit, die den Bio-Großhandel auszeichne, auch für die Zukunft, sagt Wedmann. „Das wollen wir so. Wir wollen den regionalen Erzeuger am Leben erhalten.“ Zuletzt sei das der Fall gewesen bei der Insolvenz von Feneberg, als der regionale Bio-Großhandel Waren von Erzeugern abnahm, die diese nicht mehr bei Feneberg unterbringen konnten.

„Die Umsatzentwicklung im Fachhandel ist limitiert.“

Thomas Wedmann, Geschäftsführer „Die Regionalen“

Fest steht: Die Nachfrage in den Bioläden wird so schnell nicht wieder anziehen – wenn überhaupt. „Die Umsatzentwicklung im Fachhandel ist limitiert“, sagt Wedmann. Der Großhandel müsse darum weitere Effizienzpotenziale ausschöpfen, etwa durch Kooperationen und Digitalisierung. Das wird zum Teil schon umgesetzt. Ein Beispiel: Claus Reformwaren arbeitet im Logistikbereich mit Rinklin und Kornkraft zusammen, um eine bessere Tourenauslastung zu erreichen und Parallelbelieferungen zu vermeiden. „Aber man müsste noch mehr in Kooperation denken“, sagt Claus-Geschäftsführerin Ulrike Claus.

Auch Nina Schritt findet, dass Kooperationen „noch wichtiger werden, um langfristig zukunfts- und leistungsfähig zu bleiben“. Sie nehme eine „viel größere Bereitschaft wahr, miteinander zu sprechen und gemeinsam nach Synergieeffekten zu suchen, als das noch bei der Gründergeneration der Fall war“. Es sei sehr wertvoll, wenn man Dinge miteinander mache, sagt Wedmann. „Das hilft auch dabei, verlorenen Umsatz betriebswirtschaftlich zu kompensieren.“ Die Zusammenarbeit von Terra Naturkost und Bio Company halten Schritt und Wedmann für eine gute Lösung. „Die beiden Unternehmen stärken sich gegenseitig“, sagt Wedmann. Das sei gut für die regionalen Strukturen vor Ort und den Fachhandel insgesamt. 

Naturkost West: „Bleiben fest im Naturkostfachhandel verankert“

Weniger Fantasie haben Vertreter der Großhandelsbranche bei der Frage, wie die neuen Eigentumsverhältnisse bei Naturkost West außer dem Unternehmen selbst auch dem Fachhandel helfen. Nina Schritt sieht den Einstieg von konventionellen Handelsstrukturen in den Biomarkt kritisch. Naturkost West argumentiert unter anderem mit optimierten Lager- und Logistikprozessen, durch die die Sortimentstiefe und Warenverfügbarkeit für den Fachhandel ausgebaut werde, sowie mit zusätzlich aufgebauten Ressourcen im Innen- und Außendienst, von denen die Bioläden profitierten. 

„Die Naturkost West bleibt fest im Naturkostfachhandel verankert“, versicherte das Unternehmen auf BioHandel-Anfrage. Einen Beleg für dieses Versprechen lieferte es kurz darauf mit der Ankündigung, Filialen von Superbiomarkt mit „ausgewählten Produktgruppen“ zu beliefern. 

Nach der Übernahme durch Edeka gehört Naturkost West weiterhin dem Netzwerk „Die Regionalen“ als assoziiertes Mitglied an. Gleichzeitig muss sich zeigen, wie sich die Rolle des Großhändlers, der stets seinen eigenen Weg geht, als Bio-Lieferant für Edeka Nordwest entwickeln wird. Könnte es sein, dass andere Bio-Großhändler, die ebenfalls Edeka im Westen (Claus) und im Norden (Grell) beliefern, am Ende nicht mehr benötigt werden? 

Grell wollte sich hierzu nicht äußern. Für Claus ist das „eine Frage, die uns sehr beschäftigt“, sagt Vertriebsleiter Ziad Chahrouri. „Für uns stellt die Übernahme von Naturkost West einen Risikofaktor dar.“ Gleichwohl ist er zuversichtlich, dass Claus mit seinem Nischensortiment auch in Zukunft eine Rolle für Edeka spielen wird. Chahrouri sagt aber auch: „Man muss halt kämpfen“ – und damit meint er nicht nur sein Unternehmen.

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