Biohandel

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Öko-Marketingtage

Bio braucht neue Allianzen und Mut zur Radikalität

Klimakrise, politische Unsicherheit und Druck in der Wertschöpfungskette: Bio steht vor großen Herausforderungen. Die Antwort vieler Speaker bei den Öko-Marketingtagen auf Schloss Kirchberg lautet Kooperation – verbunden mit dem Appell, auch unbequeme Themen anzugehen.

Öko-Marketingtage: Was wichtig war

  • Auf den Öko-Marketingtagen wurde mehr Zusammenarbeit über Verbände, Handel und gesellschaftliche Gruppen hinweg gefordert.
  • Auch schwierige Themen wie beispielsweise Vertikal Farming müsse Bio addressieren.
  • Naturland-Präsident Räder plädiert für 100 Prozent Ökolandbau angesichts Klima- und Umweltkrisen.
  • Preisdruck, schwankende Erträge und Nachfragesorgen belasten Handel und Erzeuger – langfristige Partnerschaften sind gefragt.
  • Bio braucht eine klarere und mutigere Kommunikation, besonders am Regal.

Es sind bisweilen Welten, die bio und konventionell voneinander trennen. Eberhard Räder, der neue Naturland-Präsident, erzählte auf den VIII. Öko-Marketingtagen vergangene Woche von einer Begegnung mit Joachim Rukwied, dem Präsidenten des Deutschen Bauernverbands. Die beiden sprachen am Rande des jüngsten Ceres-Awards, einer Veranstaltung, bei der Landwirtinnen und Landwirte für außergewöhnliche Leistungen ausgezeichnet werden. Der Öko-Landwirt Räder vertrat den Standpunkt, 100 Prozent Bio könnten die Welt ernähren. Rukwied, der einen großen konventionellen Hof bei Heilbronn führt, habe vehement widersprochen, erinnerte sich Räder. Das Gespräch sei schnell zu Ende gewesen. 

Eberhard Räder: „Zur Zusammenarbeit verdammt“

Unbeeindruckt davon lautete die Botschaft, die der Naturland-Präsident auf die Öko-Marketingtage mitbrachte: „Wir müssen schnellstmöglich auf 100 Prozent Öko kommen“. Angesichts des Klimawandels, Artensterbens und den milliardenschweren Folgenkosten, die die konventionelle Landwirtschaft mit sich bringe, sehe er dazu keine Alternative. „Wir haben alle Argumente für 100 Prozent Ökolandbau auf unserer Seite“, sagte Räder. 

Doch gute Argumente allein reichten nicht. Wenn also selbst der oberste Bauernpräsident nicht von dem Dogma ablasse, dass es ohne konventionelle Landwirtschaft nicht gehe, dann müsse die ökologische Idee eben noch breiter und lauter in die Gesellschaft getragen werden. Das Zauberwort laute Zusammenarbeit, so Räder. Dabei schaute er nicht nur auf die Bio-Anbauverbände, die „zur Zusammenarbeit verdammt“ seien, so der Naturland-Präsident. Um schnellstmöglich auf 100 Prozent Öko in Deutschland zu kommen – aktuell macht Bio rund elf Prozent der Landwirtschaftsfläche und circa sieben Prozent am gesamten Umsatz mit Lebensmitteln aus – müsse es eine breite Zusammenarbeit all derjenigen geben, die für die Sache sind. 

Räder nannte unter anderem Umweltverbände, Klimabewegungen wie Fridays for Future und Kirchen. Er selbst sehe keine Tabus bei Kooperationen, sagte Räder. Es brauche nichts weniger als einen Paradigmenwechsel forderte er zum Schluss seines Statements zur Bio-Branche, das vom Publikum im Rittersaal auf Schloss Kirchberg ausgiebig beklatscht wurde.

Franz Theo Gottwald: „Wir brauchen eine neue Radikalität in der Ansprache“

Räders Mantra der Kooperation zog sich durch die gesamte Tagung. Auch Franz Theo Gottwald, Leiter der Akademie Schloss Kirchberg, forderte sie ein, verbunden mit dem Appell: „Wir brauchen eine neue Radikalität in der Ansprache“. Dazu gehöre auch, sich neuen und mitunter „auch schmerzhaften Themen“ zu öffnen. Als Beispiel nannte er unter anderem Vertikal Farming.

Wie weit es Bio auf nationaler Ebene bringen kann, skizzierte Barbara Riegler, Obfrau von Bio Austria. In Österreich wird mehr als ein Viertel der Landwirtschaftsfläche ökologisch bewirtschaftet, der Anteil, den Bio-Produkte am gesamten Umsatz mit Lebensmitteln in dem Land ausmachen, liegt bei rund 11 Prozent. Riegler sieht ihren Verband, in dem rund 12.000 Bio-Bäuerinnen und -Bauern organisiert sind, als „Front, die Bio schützt“, auch gegenüber der Politik. Gleichwohl ist auch für sie Kooperation der Schlüssel, um Bio voranzubringen. 

Ein Zeichen dieser Überzeugung ist die im Juni von Bio Austria, Bioland, Biokreis, Bioland Südtirol, Biolandwirtschaft Ennstal, Demeter Österreich und Gäa gegründete internationale Bio-Allianz. Riegler bezeichnete die Kooperation, mit der die Verbände ihre politische und wirtschaftliche Schlagkraft verstärken wollen, als historischen Schritt, insbesondere in Zeiten, in denen nationalistische Kräfte an Stärke gewinnen. Dabei bleibe die regionale Verwurzelung der Verbände ein wichtiges Element, betonte sie. Think global, act local. 

Jan Plagge: „Wir brauchen symbiotische Wertschöpfungsketten“

Ihr Amtskollege, Bioland-Präsident Jan Plagge, beobachtet auf europäischer Ebene eine „starke Lagerbildung und Verunsicherung in der Politik“ angesichts der Kriege und Krisen. Die Fokussierung auf Wettbewerbsfähigkeit gehe auch auf Kosten des Klimas, so Plagge. Zwar gibt es eine Reihe von positiven Nachrichten für die Branche, etwa dass das EU-Öko-Recht vereinfacht werden soll. Oder dass Bio-Höfe ab 2026 wieder den Status „green by definition“ bei den sogenannten GLÖZ-Standards zur Erhaltung eines guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustands haben, und sie damit den verpflichtenden Nachweis ihrer Leistungen für die Umwelt mittels der jährlichen Bio-Kontrolle erbringen können und nicht mehr durch Doppelprüfungen zusätzlich belastet werden. 

Doch Plagge sieht auch einen „zunehmenden Druck zwischen Handel und Lieferanten“. Landwirte befände sich in einer Sackgasse, weil sie auf Krisen nur mit Preisanpassungen reagieren könnten. „Wir brauchen symbiotische Wertschöpfungsketten“ forderte Plagge.

Jürgen Mäder: „Am Ende entscheidet der Verbraucher“

Ein Teil dieser Wertschöpfungskette ist der Handel. Auf den Öko-Marketingtagen wurde dieser unter anderem vertreten durch den Vorstand der Edeka Südwest, Jürgen Mäder. Er sprach unter anderem über die aktuellen Schwierigkeiten, dem Thema Bio in der Edeka-Zentrale noch mehr Gewicht zu geben. Den Umsatzanteil von Bio-Produkten in den Märkten in seiner Region bezifferte Mäder auf 10 Prozent. „Wir wollten mal auf 12 Prozent“, das sei aber schwer, sagte er. „Am Ende entscheidet der Verbraucher“. Und der schaue oft zuerst auf den Preis. 

Auch bei Edeka sorgen im Bio-Bereich die Eigenmarken für das Hauptgeschäft. Mäder wünscht sich bei Bio ein noch größeres „Differenzierungssortiment“ und forderte Anbauverbände und Hersteller auf, mutiger und innovativer zu werden. Auch die Vorteile von Verbands-Bio gegenüber EU-Bio müsse über bessere Geschichten erzählt werden. 

Kerstin Erbe: „Größte Sorge ist der Klimwandel“

Dass Kooperationen in Zukunft noch wichtiger werden, darauf machte auch die Geschäftsführerin für Produktmanagement und Nachhaltigkeit bei der Drogeriemarktkette DM, Kerstin Erbe, aufmerksam. Ihr Unternehmen, das über 90 Prozent der angebotenen Lebensmittel in Bio-Qualität verkauft und in diesem Bereich zur ersten Wahl werden möchte, hat ein Forschungsinstut damit beauftragt, ein Zukunftsszenario für 2035 zu entwickeln. 

Ein Ergebnis: Natürliche Rohstoffe werden sich stark verteuern. Ihre größte Sorge, so Erbe, sei der Klimawandel „und dass nicht die erforderlichen Mengen in ausreichender Qualität verfügbar sein werden“. Schon heute sind die Auswirkungen des Klimawandels auf Ernteerträge mitunter verheerend. Um die Folgen so gut wie möglich beherrschbar zu machen, hat DM mehrjährige Verträge mit Lieferanten geschlossen. 

Solche längerfristigen Kooperationen sind für Erzeuger auch ein wesentlicher Faktor, dass eine Umstellung auf die kostenintensivere Öko-Landwirtschaft attraktiv bleibe, sagte ein Verteter der Rubin-Mühle, deren Getreideprodukte bei DM verkauft werden. DM biete Statbilität gegen Ernte-Schwankungen und stabilisiere sich damit selbst, betonte Boris Voelkel. „So können wir die Wertschöpfungsketten stabil halten.“ 

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