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Rezensionen: "Die Preise lügen" und "Die Pestizid-Lüge"

Im Oekom-Verlag neu erschienen sind: „Die Pestizid-L��ge“ von André Leu und „Die Preise lügen“ von Volkert Engelsmann und Bernward Geier. Mit ihnen geht die Diskussion um den gesellschaftlichen Wert einer gesunden und nachhaltigen Lebensmittelproduktion in eine weitere Runde.
12.04.2018
Im Oekom-Verlag neu erschienen sind: „Die Pestizid-L��ge“ von André Leu und „Die Preise lügen“ von Volkert Engelsmann und Bernward Geier. Mit ihnen geht die Diskussion um den gesellschaftlichen Wert einer gesunden und nachhaltigen Lebensmittelproduktion in eine weitere Runde.

Die Diskussion um den gesellschaftlichen Wert einer gesunden und nachhaltigen Lebensmittelproduktion geht mit zwei neuen Buchtiteln des Oekom-Verlags in eine weitere Runde: In „Die Pestizid-Lüge“ rechnet André Leu mit der Agrarchemie-Lobby ab, die seit Jahrzehnten Mythen über die angebliche Ungefährlichkeit von Pestiziden in Umlauf bringt. In „Die Preise lügen“ befassen sich Volkert Engelsmann und Bernward Geier mit der unfairen Preisgestaltung von Lebensmitteln, die die Bio-Produktion gegenüber der konventionellen bislang massiv benachteiligt.

André Leu, langjähriger Vorsitzender des weltweiten Bio-Dachverbands IFOAM, zerpflückt in sachlicher Weise Mythen, die seit Jahrzehnten in den westlichen Ländern die Diskussion bestimmen. „Es gab noch nie so sichere Lebensmittel wie heute“ ist eine der Sprüche, die die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten regelmäßig zu hören bekommt. Außerdem heißt es immer wieder, Pestizide seien „gründlich getestet“, es handele sich um sehr kleine Mengen, die keine Schäden verursachen würden und moderne Pestizide könnten rasch biologisch abgebaut werden. Auch die Annahme, die Menschheit würde ohne „moderne“ Agrarchemie verhungern, verweist André Leu in das Reich der Märchen. Vielmehr – und darauf geht er in seinem letzten Kapitel ein – gehe es darum, die Bio-Landwirtschaft weltweit und vor allem[nbsp]die Kleinbauern in den sich entwickelnden Ländern der Südhalbkugel zu stärken. Sie sind es, die mit dem heutigen Wissen ausgestattet werden müssetn, damit sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere mit genügend hochwertigen Lebensmitteln versorgen können.[nbsp][nbsp]

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Wenn Preise die Wahrheit sagen würden, dann wären Bio-Produkte deutlich billiger als konventionelle Lebensmittel, so die Grundaussage in „Die Preise lügen“. Im Band mit dem Untertitel „Warum uns billige Lebensmittel teuer zu stehen kommen“ schreiben über ein Dutzend Autoren über die unfaire Preisgestaltung bei Lebensmitteln. Die Herausgeber sind bekannte Akteure der Bio-Branche: Volkert Engelsmann ist Gründer des Naturkost-Importeurs Eosta in den Niederlanden. Mehrere Kampagnen wie "SOS - Save Our Soils - Rettet unsere Böden" sowie aktuell „Die wahren Kosten von Lebensmitteln“ haben das Unternehmen international bekannt gemacht. Bernward Geier, in den achtziger und neunziger Jahren Vorsitzender der IFOAM, ist seit 2005 in der Agentur Colabora als Filmemacher, Buchautor und Eventmanager aktiv. Engelsmann und Geier sind überzeugt: Würde der Staat die Regeln ändern und den Verursachern auferlegen, die durch die Produktion entstandenen Umweltschäden auszugleichen, stiegen die Preise für Lebensmittel aus der chemiebasierten Landwirtschaft sprunghaft an.

Stefan Möckel, Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, stellt im Buch die Vorzüge einer risikobasierten Pestizidabgabe mit Lenkungsfunktion dar. In Dänemark bewirkte eine solche Abgabe auf Pestizide in den letzten Jahren die Reduzierung des Pestizidverbrauchs pro Hektar auf die Hälfte. Dadurch erhielten die Anwender ein Preissignal und die Erzeugungskosten stiegen, berichtet Möckel.

Die international bekannte Bio-Aktivistin Vandana Shiva und Ko-Autor Vaibhav Singh beschreiben, wie sich der Pestizideinsatz in der indischen Landwirtschaft auswirkt: Jährlich tausende von Vergiftungen durch falsche Anwendung sowie Selbstmorde von Bauern, die in die Abhängigkeit von Agrarkonzernen getrieben worden sind und keinen Ausweg mehr wussten. Shiva und Singh schlagen vor, dass künftig der durch die Landwirtschaft geschaffene gesamtgesellschaftliche „Wohlstand je Hektar“ ermittelt wird, anstatt der lediglich numerische Ernteertrag. Letzterer gebe nur den Warenoutput einer Monokultur an, so die Wissenschaftlerin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises.

Die Bio-Branche muss sich mit dem Agrar- und Lebensmittelsystem auseinandersetzen

Während es Agrarpolitiker gibt, die meinen, konventionelle und biologische Wirtschaftsformen könnten sich parallel weiterentwickeln, halten die zwei neuen Bücher dagegen: Die Bio-Branche kann sich nicht nur auf die eigene Entwicklung konzentrieren. Vielmehr ist eine intensive Auseinandersetzung mit denjenigen Kräften in der Gesellschaft angesagt, die das derzeitige Agrar- und Lebensmittelsystem stützen – zuallererst die Politiker der großen Parteien, die Lebensmittelkonzerne und Journalisten, die die Mythen der Agrarlobby unhinterfragt widergeben.

Beide Bücher sind leicht verständlich geschrieben und können auch problemlos in Abschnitten gelesen werden, die in sich schlüssig sind. Sie sind exzellente Argumentationshilfen im Umgang mit Politikern, Agrarkonzernen und der Öffentlichkeit.

Bilder: PR-Material

Links

„Die Pestizid-Lüge“ von André Leu, Oekom Verlag, Februar 2018, 240 Seiten, 20 Euro

„Die Preise lügen“ von Volkert Engelsmann und Bernward Geier, Oekom Verlag, Februar 2018, 168 Seiten, 16 Euro

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