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Ladenportrait

La vie en bio: Eine Grenzland-Erfahrung

Drei Jahre lang „La vie en bio“ – ein Bio-Supermarkt in Kehl am Rhein, an der Grenze zu Frankreich. Kevin Woldt hat als Neuling aus Hamburg viel gewagt, viel investiert und allerhand durchgemacht.

15.08.2019 vonJo Berlien

Drei Jahre lang „La vie en bio“ – ein Bio-Supermarkt in Kehl am Rhein, an der Grenze zu Frankreich. Kevin Woldt hat als Neuling aus Hamburg viel gewagt, viel investiert und allerhand durchgemacht.

So stellt man sich das vor: Du bist der Platzhirsch am Ort. Du verfügst über ein treues Stammpublikum, weil du den angestammten Bio-Laden übernommen hast. Das nächste Bio-Fachgeschäft ist 20 Kilometer entfernt. Und dein Laden liegt direkt an der Grenze zu Frankreich: Gleich hinter der Rheinbrücke beginnt Straßburg mit knapp 300.000 Einwohnern. Tausende Elsässer und Franzosen, bei denen Lebensmittel traditionell einen deutlich höheren Stellenwert genießen und die Bio gerade erst entdecken, sind deine potenziellen Kunden. Der Markt ist riesig. Du bist mutig und gehst mit einem Namen, den sonst keiner hat, in die Offensive, wandelst das Edith-Piaf-Chanson „La vie en rose“ ab und nennst dein Geschäft: La vie en bio – Ein Leben in bio!

Klingt nach einer Erfolgsstory, dem eine prima Geschäftsidee und ein Masterplan zugrunde liegen. Aber Außenansicht und Binnensicht sind selten deckungsgleich. Und das Leben, erst recht das Händlerleben, ist im Alltag eine Ansammlung aus Überraschungen und Sachzwängen, aus unvorhergesehenen Ereignissen und kleinen, mittleren und echten Katastrophen. Aber der Reihe nach.

Alles beginnt mit der Liebe

Die Geschichte von La vie en bio beginnt mit einer Liebesromanze. Auf einer Betriebsfeier im Europa-Park in Rust lernen sich Kevin Woldt und Angèle Brucker kennen. Beide arbeiten in der Baubranche im selben Unternehmen: Er ist Niederlassungsleiter in Hamburg, sie Managerin in Kehl. Sie heiraten, Kevin zieht 750 Kilometer südlich, zu seiner Frau ins Elsass und findet Arbeit in gehobener Position bei einem Logistiker in Kehl.

In der 18.000-Einwohner-Kleinstadt fällt das Paar schnell auf. Eines Tages werden sie von Mitarbeitern des kleinen Bioladens Regenbogen angesprochen: Die Inhaberin würde das Geschäft gerne verkaufen, es finde sich aber niemand. Kevin Woldt und Angèle Brucker sind überrascht. Aber es gibt eine sentimentale Verbindung zu dem Geschäft: Angèle kauft hier seit fast 20 Jahren ein. Also kaufen sie Anfang 2016 den Regenbogen: 40 Quadratmeter, vier Teilzeitkräfte und Aushilfen.

Die Story könnte hier zu Ende sein. Der Laden könnte bis heute existieren und Kevin und Angèle weiterhin ihrer angestammten Tätigkeit in der Bau- und Logistikbranche nachgehen.

Kaum aber ist der kleine Bioladen gekauft, droht Gefahr von außen. Straßburgs Tram-Linie soll über den Rhein und bis in die Kehler Innenstadt hinein verlängert werden. Der Rathausplatz soll komplett umgebaut und städtebaulich aufgewertet werden. Täglich, so die Prognose, würden Hunderte Straßburger zum Einkaufen nach Kehl fahren! Außer Käse ist hier alles günstiger.

Gleich vier Konkurrenten

In Kehl stehen sofort vier Bio-Händler auf dem Plan. Eine große Kette sucht einen Standort, ein Händler aus der Kreisstadt will in Kehl eine Filiale eröffnen. Kevin Woldt, 31, sagt: „Unser Regenbogen wäre definitiv nicht konkurrenzfähig gewesen. Wir hatten einen festen Kundenstamm, aber das Geschäft hatte nicht mehr Potenzial: Es gab keine Kühleinrichtungen, kein vernünftiges Warenlager.“ Der Raum war begrenzt, das Sortiment klein.

Woldt und Brucker reagieren. Sie haben im Februar 2016 das 40-Quadratmeter-Lädchen gekauft. Im August schließen sie. Und eröffnen am 1. September auf 500 Quadratmetern einen Bio-Supermarkt mit einem Sortiment von 6.000 Produkten. Die Entscheidung ist goldrichtig und passt nach Kehl. Wegen der Grenznähe machen hier überdurchschnittlich viele Supermärkte gute bis sehr gute Geschäfte. Nahezu alle Discounter sind vertreten, das City-Center mit 13.000 Quadratmetern Verkaufsfläche, in dem Edeka den Ton angibt, ist fünf Gehminuten entfernt.

In einer Kleinstadt gilt eine Regel besonders: Wer sich einfügt und nicht weiter auffällt, wird akzeptiert. Doch La vie en bio will auffallen. Mit Fläche, Sortiment, Atmosphäre. Einrichtung nach Feng-Shui. „Es war schon immer der Traum meiner Frau, ein ästhetisch attraktives Vollsortiment-Geschäft mit einer bestimmten Philosophie dahinter zu haben“, sagt Kevin Woldt.

Stimmung wird skeptisch

Das anfängliche Wohlwollen der Kehler weicht der Skepsis. Mit einem Mal ist es ein Thema, dass die Inhaber nicht von hier sind. Argwöhnisch wird registriert, dass nur wenige Einzelhändler sich auf 500 Quadratmetern Verkaufsfläche breitmachen können. Überhaupt dieser unaussprechliche Name, Anbiederung an die Franzosen. Und wie haben die beiden als Branchenfremde es bloß geschafft, all die mächtigen Mitbewerber auszustechen?

„Wir hatten einfach Glück“, sagt Kevin Woldt. „Unser Vermieter hatte ein sentimentales Verhältnis zum Regenbogen. Er hat uns zugesichert: Wenn ihr den Laden haben wollt, bekommt ihr den Vortritt!“

Immer wieder kam die Frage auf: Ist das ein Markt für die Franzosen? Woldt, ein freundlich-zurückhaltender Hanseat, blieb gelassen. Nein, sagte er, ist es nicht. Es ist einfach ein Bio-Markt. Es ist ein Geschäft nah an der Grenze. Seine Frau ist Elsässerin. Darum der Name. „Von Anfang an haben wir uns auf Kunden aus Kehl konzentriert.“ Und als Angebot an die Franzosen gibt es eine Vinothek und eine feine Käse-Auswahl.

Zwei Jahre Baustelle

Zu dem Zeitpunkt wusste Woldt nicht, was noch kommen würde. Sein Bio-Supermarkt lag strategisch günstig zwischen zwei künftigen Tram-Haltestellen. Ein halbes Jahr Baustelle, sagte die Stadt, danach Savoir-vivre! Es wurden dann doch zwei volle Jahre, wenn man die baustellenbedingten Dauerstaus auf der Route nach Straßburg miteinbezieht. Woldt spricht von Katastrophe. „Ein Dutzend Mal war der Strom weg. Licht und Kassen aus, Türen zu.“ Das Baustellen-Management der Stadt konnte auch nicht weiterhelfen.

Ende 2018 wurde der neue Rathausplatz eröffnet, seither hat sich das Leben in der Stadt, hat sich das Geschäft normalisiert. Kevin Woldt hat durchgehalten und ist seinen Prinzipien treu geblieben: Sein Bioladen ist luftig-leicht arrangiert. „Andere ziehen die Regale bis unter die Decke, knallen sie mit Ware voll. Sie kalkulieren mit Abschreibungen, und was nicht läuft, wird weggeschmissen. Unsere Regale enden auf Kopfhöhe. Die Gänge haben wir breit gelassen. Ohne Probleme hätte man hier noch ein, zwei Reihen unterbringen können.“ Er führt auch nicht fünf Sorten Erdbeer-Joghurt. „Ich habe eine Auswahl, aber nicht alles. Lieber empfehle ich ein Alternativ-Produkt.“

Es gibt eine Bistro-Ecke, nachmittags kommen Stammgäste auf einen Kaffee, sie lesen, spielen Schach, genießen die Ruhe. Über Mittag gibt es einen Bio-Lunch. Weil der Verkauf zur Mittagsstunde abflacht, erledigt das Verkaufspersonal das mit. „Natürlich haben wir uns überlegt, Koch oder Köchin einzustellen“, sagt Woldt. Gastronomie aber müsse man richtig machen oder es lassen.

Zweisprachiges Personal

Im September jährt sich die Eröffnung zum dritten Mal. Kevin Woldt sagt, er habe viel Zeit und Geld investiert, um den Laden bekannt zu machen und als Marke zu platzieren: Print-Annoncen geschaltet, mit Radio-Spots und via Social Media geworben. „Bevor das mit der Baustelle losging, haben wir jenseits vom Rhein, im ganzen Elsass unter der Woche Anzeigen aufgegeben. Am Wochenende haben sie uns die Tür eingerannt. Aber das geht ja nicht endlos so weiter.“ Wenn die Neugier befriedigt ist, kristallisieren sich mit Glück ein paar Stammkunden heraus, die regelmäßig den Weg über die Grenze auf sich nehmen.

Um herauszufinden, wie nun genau sich das Publikum zusammensetzt, bedürfte es einer professionellen Analyse. Zweisprachiges Verkaufspersonal hilft in der Praxis, ist aber schwer zu bekommen. Deutsch sprechende junge Elsässer sind mittlerweile in der Minderheit.

Der für den Standort Kehl erhoffte Boom indes hat sich tatsächlich eingestellt. Die Anzahl der mit der Tram von Straßburg nach Kehl pendelnden Einkaufs-Touristen hat die Prognosen übertroffen. 90 Prozent der Passagiere sind Straßburger mit Fahrtziel Kehl; ins ungleich attraktivere Straßburg fahren nur zehn Prozent.

Mehr französische Kunden

An Kevin Woldts Bioladen, der strategisch günstig zwischen zwei Haltestellen liegt, rollt der Boom bislang vorbei. Doch es gibt Hoffnung. Zweimal die Woche ist Wochenmarkt, die Anzahl französisch sprechender Kunden nimmt hier hörbar zu. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sie im überschaubaren Kehl – abseits vom Marktplatz, zwischen Fitnessstudio und Autowerkstatt – La vie en bio entdecken.

Zahlen – Daten – Fakten

Inhaber: Kevin Woldt und Angèle Brucker
Adresse: Großherzog-Friedrich-Straße 4-6, 77694 Kehl
Öffnungszeiten: montags bis freitags 9-19 Uhr, samstags 9-18 Uhr
2/2016: Übernahme Bioladen Regenbogen
9/2016: Gründung des Bio-Supermarkts La vie en bio
Produkte: etwa 6.000
Anzahl Mitarbeiter: fünf Teilzeit-Kräfte
Großhändler: Bodan, Rapunzel, Biogarten, Rinklin

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