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Kolumne

Klein ist fein!

Unser Kolumnist Manuel Pick zu den Lehren, die Gesellschaft und Wirtschaft aus der Corona-Krise ziehen sollten.

09.05.2020 vonManuel Pick

„Weil Bio als alternativer Weg nicht fertig, sondern allenfalls auf dem Weg ist.“

Unser Kolumnist Manuel Pick zu den Lehren, die Gesellschaft und Wirtschaft aus der Corona-Krise ziehen sollten.

Das Maß an Verunsicherung ist ein Fakt. Viel mehr, als die eigentliche Gefahr, die vom Corona-Virus ausgeht, ist es der Verlust an Urteilsfähigkeit und an Gestaltungsmacht, der unsere Welt ins Stocken bringt. Eines wird genau durch diese Gemengelage erneut offenbar: wie verwundbar, wie zerbrechlich, wie anfällig die global organisierte Grundversorgung Gesellschaften macht.

Denn es besteht die berechtigte Sorge, dass die weltweiten Versorgungsströme und ihre systemrelevanten Großstrukturen nicht nur – wie bereits spürbar – ins Stocken kommen, sondern in Teilen zwischenzeitlich versagen, weil sie zu komplex strukturiert sind, um in der Krise standzuhalten. Man stelle sich vor, ein oder mehrere Logistik-Hubs konventioneller Großstrukturen im Lebensmittelhandel würden vorübergehend ausfallen. Man stelle sich vor, welches Maß an Destabilisierung in einem solchen Szenario für die Welt, wie wir sie uns organisiert haben, steckt.

Die Corona-Krise, die tiefe Verunsicherung im Umgang mit einer sich weltweit ausbreitenden Atemwegserkrankung, ist ein weiteres starkes Argument dafür, dass wir Gesellschaft und Wirtschaft dringend neu und anders organisieren müssen. Im Bereich der Grundversorgung der Menschen (Nahrung, Energie und Gesundheit) bedeutet das die radikale Umorganisation, die Auflösung der Großstruktur und ihre Ablösung durch resilientere Systeme. Die strikte Verkürzung, die konsequente Regionalisierung der Wertschöpfungsketten. Die Schaffung reaktionsfähiger, schnell agierender, unabhängiger Einheiten, die Entschlackung von Warenkörben, sind geboten.

Bio als alternativer Weg nicht fertig

Bio, wie es die Kernbranche angelegt hat und bis heute zum Teil noch denkt und lebt, ist – wie so oft – näher an der Antwort, als das entsprechende konventionelle System. Mit ihren immer noch dezentralen Strukturen, ihren selbstständigen, kleinen Handelseinheiten, mit ihren mittelständischen Unternehmen, ihrer zum großen Teil bäuerlichen Landwirtschaft bietet die Bio-Wertschöpfungskette Ansätze zu einem anderen, zukunftstauglichen Weg. Vielfalt als Stabilisierungsfaktor.

Aber auch hier wird klar, dass Bio als alternativer Weg nicht fertig, sondern allenfalls auf dem Weg ist. Das Gestaltungsprinzip, das Ernst F. Schumacher 1974 hellsichtig als Maxime in die Wirtschafts-Welt gestellt hat, das menschliche Maß, die Kleinheit per se, wird das Prinzip zukunftsfähiger Versorgungssysteme im Bereich Lebensmittel sein.

Hoffentlich werden wir alle bald glimpflich davongekommen sein. Und sicherlich werden viele dann möglichst schnell zur „Normalität“ zurückkehren wollen. Aber vielleicht wird die Bio-Branche noch mal neu verstehen: Small ist eben doch beautiful.

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