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Kasse statt Klasse

Die Branche hat die Chance vertan, sich über Politik, Kultur und Presse nachhaltig einzubringen. Stattdessen scheinen das Hauen und Stechen hinter den Kulissen und der Ausverkauf an Konventionelle munter weiterzugehen, beobachtet Detlef Stoffel, Vorstandsmitglied des BNN-Großhandel von 1989 bis 2000.

31.12.2001 vonDetlef Stoffel

Die Branche hat die Chance vertan, sich über Politik, Kultur und Presse nachhaltig einzubringen. Stattdessen scheinen das Hauen und Stechen hinter den Kulissen und der Ausverkauf an Konventionelle munter weiterzugehen, beobachtet Detlef Stoffel, Vorstandsmitglied des BNN-Großhandel von 1989 bis 2000.

In dieser Rubrik haben Persönlichkeiten aus der Bio-Branche das Wort, die sich kritisch mit der Szene auseinander setzen. Die hier geäußerte Meinung wird nicht unbedingt von der Redaktion geteilt.

Mit BSE und MKS ist ein Umsatzschub auf die Naturkostbranche zugekommen, den sie offenbar gemeistert hat. Dafür verdient sie Respekt. Was, außer Umsatzzuwachs, ist noch passiert? Nicht viel! Die Chance, sich über Politik, Kultur und Presse in breitere Zusammenhänge nachhaltig einzubringen, hat die Branche vertan. Stattdessen scheinen das Hauen und Stechen hinter den Kulissen einerseits und der Ausverkauf an Konventionelle andererseits munter weiterzugehen. Das neue Bio-Siegel wird von der Branche und ihren Verbänden überwiegend devot angenommen. Dass in seiner Einführung auch eine Gefahr für den tradierten Naturkosthandel liegen kann, wird im Wesentlichen schön-geredet. Es ist zwar einerseits richtig, das Zeichen so schnell wie möglich, aber nicht unbedingt prominent, auf der Ware anzubringen. Andererseits müssen Worthülsen wie höhere Qualität und Zusatznutzen mit glaubwürdigen und nachvollziehbaren Inhalten gefüllt werden, so dass auch unbedarfte Verbraucherinnen und Verbraucher damit etwas anfangen können. Dies erfordert das abgestimmte Handeln möglichst vieler Firmen und Verbände.

Es ist schon auffällig, dass die Gefahr der Qualitätsminderung bei Öko-Lebensmitteln vom BUND-Geschäftsführer und weniger von der Naturkostbranche problematisiert wird. Das hat aber vielleicht auch einen Grund: Der Wettbewerb in dieser (ja immer noch Kleinst-) Branche hat inzwischen groteske Züge angenommen, wirkliche Wachstumssprünge werden von vielen Beteiligten durch Engstirnigkeiten, zum Beispiel durch die Reduzierung des Wettbewerbs auf den Preis und sogar Gemeinheiten, die unmittelbar daraus folgen, verhindert.

Lebensmittel mit Charakter entstehen dann (und, bei aller Wertschätzung, hoffentlich nicht nur bei Demeter), wenn sie aus einem charaktervollen Gesamtumfeld kommen. Dazu gehört, dass dem ökonomischen Wachstum das persönliche Wachstum der Agierenden entspricht, besser noch, voranschreitet. Es kann nicht mehr angehen, dass

  • Konkurrenten weggebissen oder ignoriert werden
  • Unternehmen sich völlig isoliert um ihr Markenprofil kümmern, den Gedanken eines Branchenprofils aber nicht einmal erwägen
  • Verbände Lifestyle und Genuss proklamieren, aber Lichtjahre davon entfernt sind, auch nur Ansätze davon zu leben

So schön, groß und hell inzwischen viele Läden und Produktionsstätten geworden sein mögen (und das ist gut so!): Jetzt ist es an der Zeit, dass auch die Seelen der Beteiligten offen und hell werden müssen. Zu den verdienstvollen, braven Seminaren des Managements aller möglichen geschäftlichen Bereiche sollten sich die des Managements der Persönlichkeiten hinzugesellen. Hygiene beginnt im Kopf und dem Miteinander der Menschen und endet in der Käsetheke - nicht umgekehrt. Total Quality Management? Super! Und bitte wirklich total!

Klasse statt Masse - die Branche hat diesen Spruch von Renate Künast gerne aufgesogen und schielt beim Rezitieren auf die Masse. So geht es nicht! Die Branche hat sich, unbewusst ihrer ganz eigenen Art von Klasse, zu respektabler Wahrnehmbarkeit gemausert und distanziert sich heute gerne von ihren Hintergründen, ihrer Kultur und auch der Nische.

Je vergleichbarer die Branche sich macht, desto schneller verschwindet sie.

Es wird darauf ankommen, den Pioniergeist von damals mit den Errungenschaften von heute zu verbinden, nicht in Selbstgefälligkeit zu versteinern und dem Mainstream zu Kreuze zu kriechen, sondern immer wieder mit Ehrlichkeit und Hintergrund ganz anders zu sein. Denn nur dann besteht die Aussicht auf Bestand, Glaubwürdigkeit und Authentizität. Je vergleichbarer die Branche sich macht, desto schneller verschwindet sie.

Wenn nicht nur in Prospekten steht, Naturkost ist für uns heute, ganz wie am Anfang, der praktische Weg, die Vision einer besseren Welt zu verwirklichen, sondern dieser Anspruch auch mit alltäglichem (Handels-)Leben erfüllt und bewiesen(!) werden kann, dann wird sicherlich auch die Kasse stimmen ...

Während ich dies schreibe, geht in Rostock der Bundeskongress von Bündnis 90/Die Grünen über die Bühne. An der Rückwand zu dieser Bühne steht streitbar, offen zukunftsfähig - gar kein schlechtes Credo, auch für die Naturkostbranche! Und mit der Streitkultur auch die Handelskultur zu lernen wäre doch eine spannende Herausforderung.

Detlef Stoffel war von 1989 bis 2000 Vorstandsmitglied und Sprecher des BNN- Großhandel. Er eröffnete 1977 den ersten Naturkostladen im Großraum Bielefeld namens Löwenzahn, war ab 1986 auch regionaler Naturkostgroßhändler, gehörte zu den Gründern des Naturkost e.V., dem Vorgänger der BNN, war 1996 Mitinitiator der Marketingaktion Naturkost ißt einfach besser (Nieb) und bis 2000 Geschäftsführer der dafür verantwortlichen Marketing für Naturkost GmbH. Ende 2000 entschloss er sich zur geordneten Schließung des Löwenzahn-Großhandelsbetriebes und ist seitdem freier Berater und Dienstleister. Seit Mai 2001 ist er auch Aufsichtsrat der BioSuperMarkt AG.

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