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An den Taten messen, nicht an Worten

Der Zusammenschluss „Meine Landwirtschaft“, Veranstalter der jährlichen Demonstration „Wir haben es satt!“ in Berlin, kann sich eine Zusammenarbeit mit Rapunzel und Zwergenwiese nicht mehr vorstellen. Grund dafür sind die Äußerungen von Gründer Joseph Wilhelm zur Coronakrise.

26.05.2020 vonHorst Fiedler

Der Zusammenschluss „Meine Landwirtschaft“, Veranstalter der jährlichen Demonstration „Wir haben es satt!“ in Berlin, kann sich eine Zusammenarbeit mit Rapunzel und Zwergenwiese nicht mehr vorstellen. Grund dafür sind die Äußerungen von Gründer Joseph Wilhelm zur Coronakrise.

Seit zehn Jahren verfolgt der Zusammenschluss „Meine Landwirtschaft“ eine bessere Agrarpolitik. Joseph Wilhelm ist bereits über 40 Jahre mit diesem Ziel unterwegs. In vielen Ländern der Erde hat er für die Umstellung von Betrieben auf Bio-Anbau gesorgt und durch die Hand-in-Hand-Projekte von Rapunzel eine faire Bezahlung ermöglicht. Mit der Aktion „Genfrei gehen“ wanderte er quer durch die Republik und klärte die Menschen am Wegesrand über die Gefahren der Gentechnik in der Landwirtschaft auf.

Auch den Zusammenschluss „Meine Landwirtschaft“ hat Joseph Wilhelm viele Jahre finanziell unterstützt. Jetzt ist er dort „untragbar“ geworden, weil er seine Lebensphilosophie zum Besten gegeben hat.

Moment: Was war noch mal das Ziel des Zusammenschlusses? Hatte das nicht mit Ökolandbau zu tun, für den der Rapunzel-Chef bereits viel geleistet hat? Nein, es geht den Akteuren des Zusammenschlusses um seine persönlichen Meinungsäußerungen, die sich nicht an der Wissenschaft orientieren und in Vokabular und Aussagen neben der Spur sind. Joseph Wilhelm will dem Corona-Virus mit offenem Visier begegnen, er findet sogar Positives an Viren.

Das einzig Positive ist, dass es ohne Corona-Virus keine Zäsur im umweltschädlichen Verhalten gegeben hätte. Verwaiste Flughäfen und leere Autobahnen wären undenkbar gewesen. Auch dass der Staat praktisch über Nacht riesige Geldsummen generieren kann, hat das Virus offengelegt. Selten hat man Politiker so schnell handeln sehen. Und dass nun wenigsten in einigen Bereichen zukunftsfähige Investitionen getätigt werden sollen, ist ebenfalls ein Verdienst des Virus. Ein Impfstoff hätte dazu geführt, dass wir so weitergemacht hätten wie bisher.

Doch auch ohne Impfstoff drängen jetzt die meisten wieder auf Rückkehr zum „normalen Leben“. Die Gefahr einer zweiten Infektionswelle wird ignoriert und die Länderchefs sehen sich zu vorzeitigen Öffnungen genötigt. Die wirtschaftlichen und sozialen Belange sind plötzlich wichtiger als die physische Gesundheit. Der Flieger nach Mallorca steht wieder im Mittelpunkt des Interesses und ganz oben auf der Agenda der geretteten Lufthansa.

Was längerfristig gesehen der richtige Umgang mit dem Virus ist, muss sich erst noch erweisen. Wie oft und in welchen Zeitabständen kann und will sich eine Gesellschaft Shut downs leisten? Vielleicht ist das offene Visier eines Tages der Königsweg?

Vor diesem Hintergrund sollte der Zusammenschluss „Meine Landwirtschaft“ seine Rausschmiss-Ankündigung überdenken und den verdienten Streiter für die ökologische Landwirtschaft an seinen Taten messen, nicht an seinen Worten. Oder ihn einfach mal kennenlernen. Horst Fiedler

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